Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 20.1909

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NEUE TAPETEN







Sammlung von Bildern und Plastiken in seinen Räumen
zusammengebracht, die von feinem Geschmack in der Aus-
wahl wie in der Anordnung Zeugnis ablegt. An erster
Stelle stehen die plastischen Arbeiten von Btrnh. Hoetger.
Ein vielseitiges Talent, das sich bewußt mannigfachen Ein-
flüssen hingibt. Rodin und Maillol spürt man; das be-
wegte Prinzip wie das gesammelte, um die entscheidenden
Etappen der modernen Entwickelung zu nennen; und auch
das griechische Ideal spürt man. Temperamentvoll und
bewußt sind alle diese Arbeiten; ein geborener Plastiker,
das sieht man schon den leise getönten Farbskizzen an,
die die Form einer Erscheinung betonen. Voller Leben
sind die Köpfe und Büsten, voll künstlerischen Lebens in
der Konzentration und Beseelung der Form. n

d Dann ist Dill zu erwähnen, dessen landschaftliche Stim-
mungen aus dem Dachauer Moos in der silbrig grauen
und braunen Tönung so vornehm die Wand schmücken,
o Unter den Porträts sind die Arbeiten von Heinrich Alt-
herr zu nennen, die eine große Auffassung bekunden, die
in der vornehmen Tönung des Grau und Schwarz, in der
breiten, saftigen Behandlung Leibische Schulung verraten.
Die landschaftlichen Motive von Paul Altherr erweisen ein
intimes Sehen; das Ochsengespann ist lebendig und kräftig
und läßt in der malerischen Auffassung an Zügel denken.

o Die Arbeiten eines jüngeren Künstlers, Rudolf Ritter,
haben im Dekorativen eine eigene Haltung; sie bekunden
das bewußte Hindrängen zu dem großen Eindruck, zur
großen Form; Mattigkeit der Farben, Einfachheit der Linien;
sorgsame Raumverteilung der Massen. o

o Die Arbeiten von Esther Mengold fesseln durch die
Kraft des Ausdrucks, des Charaktervollen. Die kleinen
Plastiken von Max Fichte haben feinen Reiz und würden
durch ein wenig skizzenhaftere Behandlung noch mehr ge-
winnen, wobei das Genremäßige von selbst verschwinden
würde; oft ist die allzugroße Gewissenhaftigkeit, die aber
bei einem jungen Künstler doch nie vom Übel ist, dem
künstlerischen Eindruck letzten Endes hinderlich; das Detail
zerpflückt die Einheit. n

o Ganz reif und sicher sind die Batikarbeiten (Tischdecken
und Kissen) von /. A. Locher, deren matte Farbigkeit und
dekorative Ornamentik den Raum so fein schmückt. Und
die Bucheinbände von Rudel haben eine handwerkliche
und künstlerische Schönheit, die von einem bewußten
Können Zeugnis ablegt. Alfred Altherr hat mit dieser Aus-
wahl künstlerischerund kunstgewerblicher Einzelschöpfungen
eine Sammlung zusammengebracht, die selbständigen Ge-
schmack bekundet. frnst schür.

NEUE TAPETEN

□ Gegen Tapeten herrscht zurzeit das berechtigte Miß-
trauen des guten Geschmacks. Wer eine Mietswohnung
bezieht, erbittet sich von dem Hausherrn die Erlaubnis, die
Tapeten überstreichen zu lassen. Er bestellt sich einen
Zimmermaler, bestimmt mit ihm für die verschiedenen
Zimmer die Farbenproben und läßt die Muster unserer
Tapetenindustrie mit einheitlichem Farbton überstreichen.
Höchstens erlaubt er dem Maler nach einer selbstge-
schnittenen Schablone einen Fries zum Abschluß. o
o So genügsam ist heutzutage der geschmackvolle Mensch.
Er macht aus der Not eine Tugend. n

□ Die Tapetenindustrie hat aber aus dieser Vernach-
lässigung künstlerischer Gesichtspunkte erhebliche Verluste
erlitten. Das war nicht immer so. Es hat einmal sehr schöne
Tapeten gegeben, auch bei uns in Deutschland. Die Bieder-
meierzeit, die es überhaupt verstanden hatte, unserem
Wohnungsbedürfnis einen innigen anheimelnden Ausdruck
zu geben, hat auch allerhand schöne Tapeten geschaffen,
und selbst in der Tapetenindustrie unserer Tage hat es
nicht an Versuchen gefehlt, die Tapete künstlerisch zu ver-
edeln. Es ist bekannt, daß englische Tapeten bei uns sehr
gesucht und gut bezahlt wurden. Sie hatten anständige
Muster und machten den Raum behaglich. Sie waren das
Ergebnis einer künstlerischen Reform und verdanken ihren
Ruf in erster Linie den Arbeiten von William Morris. Seine
Tapeten haben manches andere seiner Reformwerke über-
dauert, und wenn irgendwo, so war hier durch die künst-
lerische Mitarbeit der geschäftliche Erfolggesteigert worden. D
n Es ist erfreulich, daß neuerdings auch in Deutschland
wieder von der Tapetenindustrie Versuche einer künstle-
rischen Musterung gemacht werden. Eine Abteilung der
neugegründeten Tapetenindustrie - Aktiengesellschaft, die
ehemalige Firma Erismann & Co. in Breisach, bringt eine
umfassende Sammlung neuer Tapeten nach Entwürfen von
W.von Beckerath, Prof.J.V.Cissarz, Professor O. Oußmann,
Professor P. Haustein, Professor J. Hoffmann, M. H. Kühne,
Anne Koken, Professor M. Läuger, Professor J. Olbrich,
Professor Richard Riemerschmid, Maria la Roche, E. H.
Walther, Thea Wiltmann. o

d Wir bilden einige dieser Tapeten hier ab und bedauern
nur, den Reiz der Farben nicht wiedergeben zu können. Wie
gut hier Grund und Muster aufeinander passen, wie schön
der Fries die Tapete abschließt, läßt sich aus der Wieder-
gabe der Zeichnung schlechterdings nicht erkennen. Ja, fast
möchte man sagen, die Tapete wäre nicht gut, wenn die
bloße Wiedergabe der Zeichnung bereits diesen vollendeten
Eindruck gäbe; denn richtige Tapetenmuster müssen so
sein, daß sie durch die Farbe erst eigentlich lebendig
werden, daß sie sozusagen in der Farbe leben, nicht in
der Linie. Schließlich soll ja die Tapete nichts anderes
sein als ein wohltuender Hintergrund für allerhand Möbel-
werk, Bilder usw., nicht Selbstzweck, nicht Zeichnung
an sich. Sie muß dem Charakter des Zimmers dienen,
muß sich hier zurückhalten, dort — etwa in Gängen, Vor-
plätzen — etwas lebendiger geben. Überall aber hat sie
sich in die gesamte Stimmung des Raumes einzufügen.
Diese Vorzüge können durch die Abbildungen der Muster
nicht bewiesen, höchstens dem Kundigen angedeutet werden.
g Unter den hier abgebildeten Mustern seien besonders
hervorgehoben die von Professor Max Läuger in Karlsruhe.
Sie sind heiter, fast ausgelassen, frei und ungezwungen wie
Improvisationen Aber man muß sie in der Farbe sehen,
um ihre Vorzüge voll würdigen zu können. Riemerschmid
behält auch hier seine starke persönliche Note. Das eine
Muster (Abbildung Seite 135 rechts oben) scheint besonders
geeignet für Vorplätze und derartiges. Es ist keck und
lustig und verbreitet etwas von der heiteren Freude, die
seine meisten Arbeiten auszeichnen. Hausteins, Cissarz'
und Gußmanns Tapeten zeichnen sich aus durch gleich-
mäßig fein abgestimmte Farbtönung. Sie werden vor
allem da am Platze sein, wo ruhige Form und Zurück-
haltung gewünscht wird. n
o Auch die übrigen Tapetenmuster dieser Sammlung
sind einer Betrachtung wert. Von ihrer Reproduktion
mußten wir absehen, da sie nicht zur Geltung gekommen
wären. o
o Auch technisch haben diese Tapeten vor den bisherigen
Vorzüge. Soweit es irgend möglich war, sind echte
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