Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 20.1909

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DIE KUNST DES STEMPELSCHNEIDENS



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Siegelstiche aus der frühesten griechischen Zeit (Fund von Mykenae)

DIE KUNST DES STEMPELSCHNEIDENS

» "-7UR Erlangung reichsdeutscher Münzen und Briefmarken« veröffentlichte vor zwei Jahren der
g Deutsche Dürerbund ein Preisausschreiben, welches folgendermaßen eingeleitet wird: »Es gibt keinen
^—< Gegenstand öffentlicher Kunst, der auch nur annähernd in gleichem Maße milliardenfach hergestelltes
Allgemeingut wäre, wie die Briefmarken und die Münzen. Sie kommen täglich, fast darf man sagen: in
jede Hand. Und während die Münze ihren Umlauf im wesentlichen auf das Reich beschränkt, wandert die
Briefmarke außerdem noch zu Millionen in alle Welt. Die Augen des ganzen eigenen Volkes üben ihren
Geschmack, ohne sich dessen bewußt zu werden, tagtäglich an Münzen und Marken.« B

d Die grundlegenden, technischen Vorgänge, welche zur Herstellung dieser dem staatlichen Verkehrs-

wesen dienenden Massenerzeugnisse führen, liegen in der Hand des Stempelschneiders. Seiner Befähigung,
selbst schöpferisch zu gestalten, oder aber mit reifem Geschmack sich den Intentionen des entwerfenden
Künstlers anzupassen, entspricht der mehr oder weniger künstlerische Charakter der Münzen und der Brief-
marken. In diesen beiden in Material, Form und Werdegang verschiedenen Arten von Wertmessern kenn-
zeichnen sich zugleich die hauptsächlichsten Arbeitsgebiete des Stempelschnittes: Die sich in plastischer For-
mensprache bewegende, zur Prägung dienende Reliefgravierung und der zum typographischen Druck be-
stimmte Flächenschnitt. Zu weit würde es freilich führen, des näheren auf beide Ausführungsarten einzu-
gehen, da aus dem typographischen Stempelschnitt insbesondere auch die Originale zu dem für Buch- und
Zeitungssatz erforderlichen Schriften- und Ziermaterial hervorgehen und dieses Gebiet mithin wichtig und
umfangreich genug ist, um einer besonderen Behandlung unterworfen zu werden. □

d Wer den Verlauf des oben erwähnten Preisausschreibens bis zur richterlichen Urteilsverkündung ver-

folgt hat, dem wird der Hinweis nicht entgangen sein, daß einzelne der prämiierten Plastiker sich nicht mit
der Anfertigung von Modellen begnügt, sondern Prägungen von vertieft in Stahl geschnittenen Stempeln
eingesandt hatten. Dieser für den Fernerstehenden unscheinbare Vorgang verdient beachtet zu werden, weil
er Ausblicke auf eine künstlerische Wiederbelebung des der Prägung dienenden Stempelschnittes eröffnet.
Ihm mögen diese Aufzeichnungen gelten. Es soll versucht werden, die Aufmerksamkeit weiterer Kreise
durch geschichtliche Hinweise und zeitgemäße Betrachtungen auf die wenig beachtete Ursprungstechnik zu
lenken und ihr fördernde und ausübende Freunde zu werben. □

□ Schon die ältesten Kulturvölker verstanden es, plastische Darstellungen vertieft in Stein zu schneiden

und zur Verzierung von Metallflächen Grabstichel und Schlagpunzen zu handhaben. Fundstücke aus My-
kenae weisen darauf hin, daß diese schlichten Urwerkzeuge im frühesten, griechischen Zeitalter zum Schnitt
von metallenen Siegelplatten dienten. Die Lyder scheinen indessen die ersten gewesen zu sein, welche
Stempel schnitten, um für ihren ausgedehnten Handelsverkehr Münzen zu schlagen. Dieses Vorgehen wurde
im übrigen Kleinasien und in Griechenland aufgegriffen und führte dort zu einer Blütezeit der Stempel-
schneidekunst. Ihre Meister, deren einige im Bewußtsein des künstlerischen Wertes ihrer Arbeiten ihre Namen
auf die Prägefläche setzten: Kimon, Euainetos, Eukleidas, Pyrgoteles u. a. haben sich durch ihre Schöpfungen
unvergänglichen Ruhm erworben. Eine große Zahl griechischer und kleinasiatischer Münzprägungen sind
heute den Beständen unserer Museen als kostbare Schaustücke eingefügt und zeugen hier ebenso nachdrück-

Oriechische Münzprägungen aus vertieft geschnittenen Stempeln

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