Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 20.1909

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MÖGLICHKEITEN DER KIRCHLICHEN UND CHRISTLICHEN KUNST

Sicherheit, längst wieder bewußt geworden und erfüllt
sie nach bestem Wissen und Können. Ihre große Ein-
mütigkeit in der Pflege des auf allen Gebieten ineinander
greifenden, gleichmäßigen Fortschrittes beweist das. Sie
hat sich in der Beurteilung der ernsthaften kunsthandwerk-
lichen Versuche, den Anschluß an die künstlerische Ent-
wicklung zu finden, durchaus gerecht gezeigt. Man muß
es deshalb mit Entrüstung zurückweisen, daß einzeln vor-
gekommene Entgleisungen, die gar nicht bestritten, sondern
nachdrücklich verurteilt werden, in verallgemeinerten Vor-
würfen der Böswilligkeit und Kritiklosigkeit gegen die ge-
samte Presse ausgebeutet werden. Es ist niemals schwer,
aus einer Versammlung von Unzufriedenen den jubelnden
Beifall zu solchen radikalen Vorwürfen herauszuholen, doch

sollten die Führer, die das tun, bedenken, daß sie damit
der guten und deshalb hilfsbereiten Presse das Beharren
in der Objektivität ganz unnötig erschweren. Sehr fehler-
haft ist es ferner, diejenigen Zeitschriften, mit deren Kritiken
man nicht zufrieden ist, von der Teilnahme an den Be-
ratungen oder vom Referat auszuschließen. Die Beschwerden
und Wünsche eines wirtschaftlich gefährdeten Standes
müssen in breitester Öffentlichkeit verhandelt werden, und
die Kunsthandwerker sollten nicht deswegen hierauf ver-
zichten, weil ihnen als einzige Möglichkeit, aus der Be-
drängnis herauszukommen, mehr oder weniger deutlich die
herzhafte Teilnahme am künstlerischen Fortschritt geraten
werden könnte. n

FRITZ HELL WAG.

MÖGLICHKEITEN DER KIRCHLICHEN UND CHRISTLICHEN KUNST

□ In Düsseldorf befindet sich gegenwärtig eine christliche
Kunstausstellung, die eine großartige Überschau über das,
was nicht mehr ist, bietet, über das, was einmal war, in
langen Jahrhunderten aber dahinsiechte und endlich starb:
die kirchliche Kunst. Daneben zeigt sie die schwachen
Versuche, die christliche Kunst ohne Mitwirkung der Kirche
am Leben zu erhalten, Versuche, die auch an ihrem Ende
angelangt zu sein scheinen. Diese Ausstellung ist eine
ultima ratio! Es wird Umschau gehalten, ob nicht den
traditionellen Formen neues Leben sich zuführen ließe, ob
nicht in den Künsten irgendwelche Ansätze sich fänden,
die dem veränderten religiösen Empfinden des Volkes
Ausdruck verleihen und die man weiter entwickeln könnte.
Deshalb ist der Rahmen der Ausstellung so seltsam weit

gezogen: es befinden sich in ihr Krematorium und Urnen-
hallen — die Zeugen eines, von der Kirche seither mit Haß
verfolgten »heidnischen« Begräbniskults. Aber, die Kirche
ist ja zu allen Zeiten eine große Anpasserin gewesen, sie
wird sich auch diese Gebräuche zu assimilieren wissen.
Nun will sie also wieder als Auftraggeberin für die bilden-
den Künste auf dem Plan erscheinen, sie will die jahr-
tausendalte Tradition, die sie zuletzt so arg vernachlässigt
hatte, wieder aufnehmen. Sicher tut sie es nicht allein um
der Künste willen, die auch ohne sie wieder zu neuem
Leben erblühten. Sie verfolgt, wie stets, zunächst ihre
eigenen Zwecke. Und ihre Witterung ist gut, denn das
allgemeine Erstarken des architektonischen Gefühls, die be-
ginnende Ordnung seelischer Massen künden die Möglich-

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Borten des 18. Jahrhunderts Ältere Borten des 19. Jahrhunderts

sämtlich ans der Stoffsammlung des Kgl. Kunstgewerbemuseums in Berlin
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