Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 20.1909

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KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU







Julius Diez, ausgeführt von Frau Schmidt-Pecht in Konstanz



KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU







EIN FRANZÖSISCHES URTEIL
ÜBER DAS DEUTSCHE KUNSTGEWERBE

o Jedes Jahr hält die französische Union provinciale des
arts decoratifs ihren Kongreß in irgend einer französischen
Stadt, im verwichenen Sommer aber wurde als Kongreß-
ort keine französische, sondern eine deutsche Stadt aus-
ersehen, und aus allen Teilen Frankreichs fanden sich die
Teilnehmer in München ein, wo zu derselben Zeit eine
kunstgewerbliche Ausstellung veranstaltet war. Unter den
Franzosen, die sich im Juli in München aufhielten, befanden
sich, wie das so zu gehen pflegt, eine Menge Leute, die
man auf allen Kongressen wiederkehren sieht, weil es da
hoch hergeht und nicht viel kostet, aber es waren auch
einige tüchtige Fachleute erschienen, so Viktor Prouve aus
Nancy, Francois Rupert Carabin aus Paris und andere
mehr. Die Leute wurden von den Münchnern so gut auf-
genommen und so glänzend bewirtet, daß sie in ihrer
Dankbarkeit vielleicht den Mund etwas zu voll genommen
haben. So lud Franz Jourdain, der Präsident des Pariser
Herbstsalons, die Münchener Aussteller ein, ihre ganze
Sommerausstellung von Zimmereinrichtungen usw. im
nächsten Jahre nach Paris in den Herbstsalon zu schicken,
und die Münchener sollen, wie man vernimmt, wirklich die
Absicht haben, dieser Einladung nachzukommen. Hoffent-
lich machen sie dabei keine falsche Rechnung, jedenfalls
dürfen sie auf weiter nichts als auf den vom Herbstsalon
zur Verfügung gestellten Raum rechnen. Die Kosten für
den Transport hin und zurück, sowie für die Einrichtung
ihrer Räume würden sie selber tragen müssen. Unter
diesen Bedingungen hat der Herbstsalon nach einander
eine russische, dann eine belgische und in diesem Jahre
eine finnländische Ausstellung beherbergt, und es wird
gut sein, wenn die Münchener sich diesen Tatsachen ent-
sprechend keinen Illusionen hingeben. Die Befolgung der
französischen Einladung würde für die Münchener Kunst-
handwerker eine Ausgabe von mehreren hunderttausend
Mark bedeuten, und es ist sehr fraglich, ob sich eine solche
Ausgabe rechtfertigen ließe. o

d Einen künstlerischen Sieg würden die Münchencrfreilich
dabei wohl erringen, denn das französische Kunsthandwerk
kann sich neben dem deutschen kaum noch sehen lassen.
Wie die französische Architektur sieht das französische
Kunsthandwerk seine schönste und höchste Aufgabe in der
Nachahmung der einmal anerkannten alten Stile, und es ist
wahrscheinlich genug, daß man nirgend in der Welt so
gute Nachahmungen von Möbeln Louis seize und Empire
fabriziert als in Paris. Vor fünfzehn Jahren machte man
auch den Versuch, neue Formen für neue Bedürfnisse zu
finden, aber während diese Versuche in Deutschland und
England zu schönen Erfolgen führten, mußten sie in Paris
aus Mangel an Verständnis und Unterstützung bald auf-
gegeben werden. Heute kann man sagen, daß neben der
deutschen Baukunst und neben dem deutschen Kunst-
handwerk eine moderne französische Bau- und Gewerbe-
kunst überhaupt nicht existiert. Dies haben zu ihrer nicht
sehr freudigen Überraschung die französischen Kunst-
gewerbler in München erfahren. Sie hatten angenommen,
daß es in Deutschland ebenso gegangen sei wie in Frank-
reich, daß auch hier nach einigen fruchtlosen Versuchen
zur Erlangung eines neuen, den modernen Bedürfnissen
angepaßten Stiles, die Bewegung eingeschlafen und das
Kunsthandwerk zur Nachahmung der alten Stile zurück-
gekehrt sei. °
a Von dieser Überraschung legt der Bericht, den der
bekannte Bildhauer und Kunsthandwerker Carabin als
Delegierter der Stadt Paris dem hauptstädtischen Stadtrate
eingereicht hat, ein für Frankreich sehr schmerzliches, für
Deutschland sehr löbliches Zeugnis ab. Es ist auch nicht
sehr wahrscheinlich, daß der Pariser Stadtrat diesen für
das französische Kunsthandwerk so übel lautenden Bericht
veröffentlichen wird, und desto interessanter wird die Mit-
teilung einzelner Stellen aus dem Berichte, die wir der
Freundlichkeit Carabins selbst verdanken. Der Bericht-
erstatter sagt: „
n »Wir erwarteten, die plumpe und komplizierte Nach-
ahmung der alten Stile wiederzufinden, die wir von frühe-
ren Besuchen in München kannten und deren Synthese
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