Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 20.1909

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GRAPHISCHE ARBEITEN VON R. GRIMM-SACHSENBERG

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R. Orimin-Sachscnberg

Kalenderdeckel

EINE MÜNCHENER AUSSTEL-
LUNG BEMALTER WOHNRÄUME

d Das Verständnis der Ausstellung bemalter Wohnräume,
welche auf die Dauer von fünf Monaten von der kunst-
handwerklichen Malerei Münchens veranstaltet wurde, er-
fordert vorzugsweise eine Betrachtung dieses Unternehmens
unter allgemeineren Gesichtspunkten. Die Ausstellung
wird man dann richtig verstehen, wenn man sich daran
erinnert, welches Verfahren die moderne Raumkunst in der
Ausstattung des Wohnraumes im Verlaufe der letzten
Jahre sich mehr und mehr zu eigen gemacht hatte. Es
Instand darin, daß bei dieser Ausstattung die dekorative
Malerei ausgeschaltet und der nackte weiße Anstrich an
ihre Stelle gesetzt wurde. Die Gründe zu einem solchen
Vorgehen lagen vor allen Dingen in den prinzipiellen Be-
strebungen der neuen Stilbewegung nach Einfachheit, dann
aber auch darin, daß der dekorativen kunsthandwerklichen
Malerei ein sachliches Arbeiten völlig abhanden gekommen
war, weshalb sie nach der letzten Phase ihrer neueren
Entwicklung, den Ausschreitungen des Jugendstiles, in
Kunstgewerbeblatt. N. F. XX. H. 11

dieser Gestalt durchaus nicht mehr zu gebrauchen war.
Dazu kommen noch andere Gründe, die innerhalb des
Faches selber liegen, deren Erörterung indes zu weit
führen würde. Kurz: Über Nacht trat der Raumkünstler
auf den Plan und der dekorative Maler, dessen verzierende
Kunst bis dahin fast ausschließlich den Raum beherrscht
hatte, wurde in den Hintergrund gedrängt. o

a Nirgends wird darauf die Weißtüncherei solche Feste
gefeiert haben als in München, die freilich zum größten
Teil ebenso viele Sünden gegen den guten Geschmack
waren. Natürlich können solche Bestrebungen, welche,
unter falsch verstandener Einfachheit, in der Pflege mög-
lichst kahler Wand- und Deckenflächen ihre oberste Auf-
gabe sehen, sich auf die Dauer nicht halten, und wenn-
gleich auch in der großen Münchener Ausstellung des
vorigen Jahres noch die weiße Nüchternheit dominierte,
so zeigte sich andererseits doch auch schon die entschie-
dene Abkehr von dem bisherigen Wege. Hier, in diese
Strömungen, greift die Ausstellung bemalter Wohnräume
ein. Die kunsthandwerkliche Malerei, die an jener vor-
jährigen Ausstellung nur als wenig benötigte Handlangerin
beteiligt war, hat sich zu selbständigem Handeln aufge-
rafft und zeigt, daß die Zeiten vorbei sind, in welchen
Dekorationsmalerei und Überladung eine Art Wechsel-
begriff waren. Es wird dargetan, daß die kunsthandwerk-
liche Malerei von der modernen Raumkunst, soweit es
auf die Grundsätze der Gestaltung im Räume ankommt,
gelernt hat. In der Tat, die deutliche Erkennbarkeit des
Einflusses der Münchener Kunst auf die Tätigkeit einer
gewerblichen Gruppe, das ist das Grundsätzliche, worauf
es bei dieser Ausstellung ankommt. n

o In München selber ist man freilich zunächst nicht wenig
verwundert über diese plötzliche Kraftentwicklung eines
teils handwerklichen, teils kunsthandwerklichen Zweiges,
der so gänzlich aus dem Gesichtskreis der modernen Raum-
kunst getreten war. Allein wie liegen doch die Dinge?
Wenn die Bestrebungen der Gegenwart, welche auf eine
Durchdringung des Lebens mit der Kunst, auf eine Er-
ziehung des Handwerks zur Tüchtigkeit, auf eine Hebung
des allgemeinen Geschmackes ausgehen, aufrichtig gemeint
sind, sie mögen nun auftreten, in welchem Gewände sie
wollen: ob als praktisches Wirken großer Architekten zu-

EXÜRRra

R. Orlmm-Sachsenberg

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