Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 20.1909

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ORNAMENTALES UND SEINE ANWENDUNG VON CARL OSSWALD

n Karl Osswald ist ein Schüler van de Veldes. Man mag
sich zur Kunst dieses Meisters stellen wie man will; das
eine wird jeder zugeben müssen, der sich über die Ele-
mente seines Kunstschaffens klar geworden ist: es enthält
einen ganz beträchtlichen Einschlag von französischer Mo-
derne, der besonders lebhaft in den auf seine Tätigkeit für
die Maison Moderne folgenden Jahren zutage tritt. Die
letzten Jahre, die mit einer umfangreichen Lehrtätigkeit aus-
gefüllt waren, bedeuten für den Künstler den Beginn einer
Periode, deren Schöpfungen Dokumente einer unerbittlichen
Logik sind. Diese Selbstverständlichkeit der künstlerischen
Formen, die nur das Resultat strengster Selbsterziehung
ist, zeigen auch die Arbeiten des obengenannten van de
Velde-Schülers. In ihnen sind die Grundanschauungen van
de Veldescher Kunst deutlich verkörpert. Doch geben sie
sich nicht als bloße Anlehnungen an fremde nachempfundene
Gedanken. Ich möchte fast sagen, sie sind als typische
Beispiele dafür anzusprechen, wie sich das zum guten Teile
romanische Empfinden des Lehrers in dem germanischen
Temperamente seines Schülers spiegelt. Die Spontaneität
der künstlerischen Konzeption dort hat hier einer mehr
nüchtern konstruierenden Überlegung den Platz geräumt,
n Einige Worte über die abgebildeten Gegenstände sollen
das Gesagte kurz erläutern. D

n Die Pflicht jeder kunstgewerblichen Arbeit ist die Unter-
ordnung des dekorativen Momentes unter eine zweckent-
sprechende Gebrauchsform und materialgerechte Tektonik.
Wenn man den Maßstab dieser Grundforderung an die
Osswaldschen Metallarbeiten legt, so kommt man zu der
Überzeugung, daß ihm mit Ausnahme der beiden Schreib-
zeuge ihr Verfertiger durchaus gerecht geworden. Bei der
jetzt in dem Metallgewerbe
zutage tretenden Neigung
zu einer ausgedehnteren
Verwendung ornamentalen
Schmuckes bilden diese
Schreibgeräte und die kup-
ferne Teekanne eine erfreu-
liche Ausnahme. Ihr Reiz
liegt in der feindurchdachten
Ausnutzung der Fläche zu
dekorativer Verwendung und
darin, daß unter Vermeidung
technischer Künsteleien, zu
der die Metallteclmik sehr
leicht verführt, Formen-
gebung und Gebrauchszweck
eine künstlerische Einheit
bilden. „ Weniger gelungen
scheint mir von den beiden
Schreibzeugen das vierseitige
insofern, als der Umfang
des Körpers zu der Zierlich-
keit der Tintenbehälter in
keinem Verhältnis steht. Das
in der Komposition am
besten gelungene Stück ist
dagegen die silbergetriebene
Teekanne mit Elfenbein-
henkel und gleicher Deckel-
handhabe. Vielleicht unbe-
wußt, wenngleich dies der
künstlerischen Veranlagung
und Arbeitsweise Osswalds
sonst nicht entspricht, hat
der Künstler in der Form
der Ornamentfläche und der
retardierenden Silhouette des

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Deckelknaufes ein außerordentlich wirkungsvolles Wider-
spiel von Bewegung und Gegenbewegung geschaffen. o
n Die keramischen Arbeiten, von denen einige Proben
hier vorgelegt werden, sind nicht sowohl durch ihre Form
wie in ihrer farbigen Dekorierung beachtenswert. Von den
drei Porzellanvasen können die beiden kleineren, was sinn-
gemäße Anbringung von Ornamenten anlangt, gewisser-
maßen als Beispiel und Gegenbeispiel gelten. Daß die
weißglasierte als das letztere anzusehen ist, wird besonders
augenfällig infolge der Verwendung des gleichen Motives
für ihre schwarze Schwester. Das goldgemusterte Service
war, wie ich erfuhr, in der Form etwas zierlicher gedacht
und ist durch die Eigenwilligkeit des Formers leider wuch-
tiger ausgefallen, als der Entwurf angab. Von den sonst
noch abgebildeten Tassen spricht die eine mit den in sattem
Grün gehaltenen Fünfecken und die mit einer eigenartigen
Variation des laufenden Hundes in kobaltblau dekorierte
durch ihre lebhafte Farbenwirkung an. „

o Die kunstgewerbliche Tätigkeit Osswalds ist mit den
vorstehend besprochenen Arbeiten nicht abschließend um-
grenzt, obschon seine keramischen und Metallarbeiten das
Wesentliche seiner Produktion bedeuten. Die Bucheinbände,
seine Entwürfe für Textilmuster und Möbel zeigen, daß
seine Veranlagung ihn auf die beiden obengenannten Ge-
biete weist. Zu wünschen bleibt, daß die Erkenntnis der
Grenzen seiner Kraft ihn vor Zersplitterung bewahrt. Dann
wird auch ein den Leistungen entsprechender Erfolg nicht
ausbleiben. r>r. OTTO PELKA.

ger

Künstler und Material. »Die Botaniker sprechen
ade in letzter Zeit besonders viel von einer Pflanzen-
seele, sie tragen immer mehr
Beweise dafür herbei, daß
man der Pflanze in gewissem
Sinne eine Art von Seele zu-
sprechen kann. Wem unter
seinen Händen das tote Ma-
terial lebendig wird, so daß
es auch eine solche Art Seele
bekommt, und daß es dann
wie von selber seine eigenste
Form sucht, auf Reize ant-
wortet, wächst und wird, der
ist ein Künstler! ... □

n Wenn einer zur rechten,
willigen Hingabe an sein Ma-
terial fähig ist, wird er be-
merken, daß es ihn in seiner
Arbeit fördert und stützt. Die
Liebe zum Material ersetzt
so tatsächlich, freilich nur bis
zu einem geringen Grade,
einen Teil der künstlerischen
Begabung. Das weist darauf
hin, daß in der Industrie und
auch im Handwerk vielleicht
auch jemand mit geringerer
Begabung zu tüchtigen und
brauchbaren Ergebnissen
kommen kann, die künstleri-
sche Werte an sich tragen.«

RICHARD RIEMERSCHMID

(in Die Veredelung der gewerb-
lichen Arbelt im Zusammenwirken
von Kunst, Industrie und Hatul-
u werk. Leipzig UM)').) o

Carl Osswald, Ornamentale Komposition

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