Deutscher Altphilologenverband [Editor]
Mitteilungsblatt des Deutschen Altphilologenverbandes — 20.1977

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Dr. Rainer Nickel, Das Normenbuch „Latein“ (Fortsetzung)
(Aus: Landesverband Schleswig-Holstein 1/1976 v. 5. 4. 1976)
Sprachreflexion ist also auf das Ganze des Textes gerichtet, d, h. auf seine
aus einer bestimmten sprachlichen Form und einem bestimmten Inhalt, einem
Stück außersprachlicher Wirklichkeit, bestehende Einheit, die an einen be-
stimmten soziokulturellen Horizont gebunden ist und ihre Entstehung einer
bestimmten Intention verdankt. Die Kommunikationssituation, in der der
Text als Kommunikationsmittel steht, ist also ebenso Gegenstand der Sprach-
reflexion wie etwa sein Periodenbau. Anders ausgedrückt: zentraler Gegen-
stand der Sprachreflexion ist die im Text faßbare Relation zwischen Bezeich-
nendem und Bezeichnetem, zwischen Gesagtem und Gemeintem, zwischen Situ-
ation und Intention; dabei ist grundsätzlich jede Einzelheit zu sehen in ihrem
Bezug zum Ganzen und das Ganze in seinem Bezug zu jeder Einzelheit; denn
in jedem Text bedingen sich das Einzelne und das Ganze gegenseitig.
Damit ist jedoch die Reichweite der im Unterricht zu praktizierenden Sprach-
reflexion keineswegs voll durchmessen. Gewiß ist es schon eine umfangreiche
und schwierige Aufgabe, die textgewordene Synthese von Sprache und Welt,
Sprechen und Sein in ihrer historisch bedingten, einmaligen und abgeschlos-
senen Gestalt in den Griff zu bekommen und dabei vor allem auch die Bedin-
gungen zu klären, unter denen diese Synthese zustande gekommen ist. Diese
Aufgabe ist übrigens schon aus dem Grunde fast unlösbar und nur in An-
sätzen zu erfüllen, weil sie eine Unmenge von Kenntnissen voraussetzt, die
der heutige Unterricht nicht zu liefern vermag. Aber gerade weil die Arbeit
an den Texten aufgrund mangelnden Wissens um die außersprachliche
Wirklichkeit, aus der die Texte erwachsen sind und auf die sie Bezug nehmen,
meist im Vordergründigen stecken bleiben muß, ist es die Aufgabe der Sprach-
und Textreflexion, die Bedingungen und Grenzen der Arbeit im Unterricht
immer wieder bewußt zu machen. Dazu gehört auch das Bewußtsein von der
Distanz zwischen dem antiken Autor und dem heutigen Schüler. Hier gilt es
zu klären, auf welche Weise der antike Text uns heute überhaupt erreichen
kann. Wir haben im Rahmen der Sprachreflexion also nicht nur die Aufgabe,
die primäre, originale Funktion des Textes in seiner ursprünglichen Kommu-
nikationssituation zu erfassen und d. h. den Text zu interpretieren, sondern
wir müssen uns auch darüber klar werden, wodurch es möglich wird, daß wir
ihn verstehen oder auch mißverstehen. Auf dieser Ebene der Sprachreflexion
geht es also letztlich um das Problem der Übersetzung des Textes aus einer
fremden, fremdsprachigen in unsere eigene Wirklichkeit, also nicht nur um
ein vordergründiges Übersetzen im Sinne eines Austausches sprachlicher Zei-
chen, der am Ende einen möglichst äquivalenten muttersprachlichen Text er-
bringt. Mit der „Fähigkeit, lateinische Texte zu verstehen und ins Deutsche
zu übersetzen“, wie es lapidar in der KMK-Vereinbarung heißt, ist das didak-
tische Prinzip des altsprachlichen Unterrichts artikuliert; denn seine prinzi-
pielle Aufgabe ist es, das Übersetzen fremder Vorstellungen und Gedanken
in den eigenen, vertrauten Horizont zu lehren und dadurch den eigenen ver-
trauten Horizont zu erweitern. Mit dieser allgemeinen Zielsetzung ist das

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