Deutscher Altphilologenverband [Editor]
Mitteilungsblatt des Deutschen Altphilologenverbandes — 25.1982

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Humanistische Bildung als Lebenshilfe? Ein Vortrag
Wer das Treffen der ehemaligen Schüler eines humanistischen Gymnasiums be-
sucht, stellt sich wahrscheinlich ganz von selbst die in meinem Thema enthaltene
Frage: Was hat uns die Schule gegeben und inwiefern hat uns die von ihr emp-
fangene humanistische Bildung im Leben geholfen? Was waren ihre Vorteile
— oder auch ihre Nachteile? Die Antworten darauf bewegen sich jedoch seit
Generationen in ziemlich vagen Allgemeinheiten, wie etwa z. B.: mit der grie-
chischen Kultur wurde die Erkenntnis des Edlen und Schönen und eine geistvolle
Philosophie vermittelt, während die lateinische Antike an die soliden staats-
tragenden Tugenden und das rechtliche Denken der Römer herangeführt hat,
usw. usw. Damit wird aber eigentlich nur gesagt, daß in diesen aus der antiken
Kultur übermittelten Werten Möglichkeiten einer Lebenshilfe stecken können.
Es bleibt jedoch offen, ob und inwieweit die Schüler sie akzeptiert und zur
Lebenshilfe genutzt haben. Konkretere und zuverlässigere Ergebnisse wären
wahrscheinlich nur durch die Befragung einer großen, als repräsentativ anzu-
sehenden Zahl von individuellen Einzelpersonen nach ihren persönlichen Er-
fahrungen zu gewinnen. Daran fehlt es offenbar, und so habe ich mir selbst die
entsprechende Frage gestellt. Die Antwort ist naturgemäß sehr subjektiv. Des-
halb freue ich mich, daß die Leitung für nachher eine Aussprache vorgesehen
hat, die sicher interessante Erfahrungen anderer Teilnehmer mitteilen wird.
I
Im Grunde will jede Schule Lebenshilfe geben: Non scholae sed vitae discimus1.
Das Lernen ist nicht Selbstzweck, sondern das Gelernte soll den Schülern im
Leben nützen.
Zu diesem Zweck bietet die Schule zunächst eine Ausbildung2. Sie ver-
mittelt Kenntnisse zur Orientierung in unserer komplizierten und technisierten
Industriegesellschaft und lehrt zum anderen gewisse Fertigkeiten (Fremd-
sprachen, Stenografie usw.), die später von Nutzen sind.
Die eigentliche Bildung ist aber mehr als Ausbildung. Ihr geht es nicht um
bloße Wissensvermittlung, für die z. B. Fausts Schüler Wagner ein Zerrbild ab-
gibt („Zwar weiß ich viel, doch möchf ich alles wissen“)· Die Bildung begnügt
sich auch nicht mit gesellschaftlichem Schliff oder politischer und sonstiger
Schulung. Ihr Anliegen ist vielmehr Persönlichkeitsbildung, d. h. eine bewußte
Entwicklung der im jungen Einzelmenschen liegenden Anlagen, um die indivi-
duelle Persönlichkeit „herauszubilden“. Dazu gehört auch der menschliche
Einsatz des Lehrers in der Erziehung. Er muß sich selbst mit einbringen3 und
1 Die Zitate sind angeführt nach Georg Büchmann, Geflügelte Worte, 32. Auflage, Berlin
1972.
2 Zu Ausbildung, Erziehung, Bildung und Humanismus s. Carlo Schmid, Das humanist.
Bildungsideal, Frankfurt 1956, S. 3ff., 8ff.
3 Hanna Renate Laurien, FAZ 27. 6. 1980

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