Deutscher Altphilologenverband [Editor]
Mitteilungsblatt des Deutschen Altphilologenverbandes — 25.1982

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Liebe zu den Griechen, zur griechischen Sprache, überhaupt zum Altertum?
Hat sie nicht zu jenem einseitigen, die empirischen Wissenschaften eindeutig
vernachlässigenden humanistischen Gymnasium geführt (über das heute man-
cher gar nicht so unglücklich wäre)? Nein, das Gymnasium der Jahrhundert-
wende kann sich weniger auf Humboldt berufen als das jetzige. Zwar hielt er
die alten Sprachen für unbedingt notwendig, weil der Schüler im Latein- und
Griechischunterricht, der sich von den modernen Fremdsprachen grundsätzlich
unterscheiden müsse, einen Einblick in „die Sprache überhaupt“ gewinne. Aber
er verlangt ausdrücklich, „daß die gelehrten Schulen nicht bloss lateinische seyen,
sondern der historische und mathematische Unterricht gleich gut und sorgfäl-
tig mit dem philologischen behandelt werde. Gegenwärtig, wo es sehr oft hieran
mangelt, entsteht der Nachtheil, dass deqenige, welcher für Sprachunterricht
weniger Sinn hat, entweder die Schule zu früh verlassen oder unnütz auf dersel-
ben verweilen rhuß.“
1810 hat Wilhelm von Humboldt die Sektion für Kultus und Unterricht ver-
lassen. Die progressiven Ansätze seiner Schulreform gehen unter seinen Nachfol-
gern allmählich verloren, im Laufe des Jahrhunderts gewinnt das Schulsystem
eine fatale Funktion bei der Zuweisung sozialer Chancen. Was Humboldt der
Bildung der gesamten Nation zudachte, wird schließlich die Schule einer sozia-
len Schicht.
Trotzdem ist Humboldts Idee der Bildung keine Utopie. Wir sind ihr näher
gekommen und haben manchen seiner Vorschläge realisiert. Vieles bedarf noch
der Korrektur. Ein Gedanke an Humboldt könnte dabei nicht schaden.
Dr. Franz Peter Waiblinger, München
(mit freundlicher Genehmigung des Verfassers aus der Süddeutschen Zeitung,
Nr. 94, vom 24./25. Aprü 1982)

aut Caesar aut nihil?
10 Thesen zur Dominanz des Bellum Gallicum auf der Mittelstufe
1. Die extrem hohe, fast totale Kohärenz des Bellum Gallicum1 (Dichte der In-
formation, kontextuelle Undurchlässigkeit, Schlüssigkeit der Argumentation,
überwältigende Plausibilität der Mitteilungen) suggeriert den Vorteil der Ein-
deutigkeit, einer gewollten und massiven Eindeutigkeit freilich, der die Schüler
der Mittelstufe im allgemeinen weder intellektuell noch moralisch gewachsen
sind, weil sie von ihnen nicht durchschaut werden kann; die vermeintliche Klar-
heit des Caesartextes ist Attitüde, die empfundene Schlichtheit und Einfachheit
Folge einer naiven Annäherung des Lesers und nicht der Natürlichkeit des Ge-
genstandes.
1 Zum Begriff der ideologischen (totalen) Kohärenz von Texten vgl. P. Barie, Mythisierte
Geschichte im Dienst einer politischen Idee, AU XIX 2, S. 41.

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