Deutscher Altphilologenverband [Editor]
Mitteilungsblatt des Deutschen Altphilologenverbandes — 25.1982

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Mainzer Impressionen
Zur Tagung des DAV in Mainz vom 13. bis zum 17. April 1982
Daß Mainz als Stadt eine Reise wert ist, wußte man vorher; daß die Mainzer
DAV-Tagung eine Reise wert sein würde, konnte man bestenfalls erwarten —
nun wissen es alle, die teilgenommen haben, und denen, die nicht teilgenommen
haben, sei es gesagt: sie war eine Reise wert.
Die Externa waren gut und angenehm: die schöne Tagungsstätte (das Alte
Schloß), das schöne, wenn auch kühle Wetter, die Nachbarschaft des Römisch-
Germanischen Zentralmuseums, die Nähe der Kernstadt. Die ca. 300 Teilnehmer
(auf diese Zahl scheinen sich die Tagungen in den letzten Jahren eingependelt
zu haben) zeigten sich in ungewöhnlichem Maß interessiert, auch an den „grie-
chischen“ Veranstaltungen - bei den Homervorträgen (Proff. Heubeck und
Latacz) war der Große Saal kaum weniger dicht besetzt als am Vergiltag.
Zu den Interna: Das Konzept der Planer, die Themen auf wenige Kernpunkte
und -autoren zu beschränken und den Referenten vorzugeben (ein Novum, zu
dem sich denn auch kaum einer der Vortragenden eine Glosse verkniff) hat sich
vollauf bewährt. Vergil stand im Mittelpunkt; ihm war der ganze zweite Tag,
dessen Veranstaltungen zusammen mit der Mommsen-GeSeilschaft durchgeführt
wurden, mit sechs Vorträgen und einem Arbeitskreis gewidmet. Um ihn hemm
reihten sich Cicero und Aristoteles als Staatstheoretiker, Homer und Platon.
A propos Platon: Zu einem der ehrwürdigen Nestoren der Platonforschung
strömten am ersten Abend die Tagungsteilnehmer in hellen Scharen, zu dem
fast 82jährigen Hans-Georg Gadamer, dessen ungebrochene Stimme und An-
griffslust und Geisteskraft zu erleben auch für den ein Genuß war, der den Vor-
tragsinhalt allzu voraussetzungsreich und esoterisch fand (Auseinandersetzung
mit Popper).
Eindrucksvoller noch als all das, was eine kluge und konzentrierte Organisa-
tion an Vorgaben einbrachte, war das, was keiner Planung unterworfen ist: es
war die Stimmung, die man kaum anders als mit Aufbruch, Zuversicht, ja
Freude beschreiben kann. Mit einem Aufruf, neben den von außen herange-
tragenen Lernzielen des altsprachlichen Unterrichts sein immanentes Potential
stärker als bisher zu beachten, und einer Kampfansage an den Pessimismus (von
dem der Pädagoge, wenn er ihn aus seines Herzens Winkel schon nicht ganz aus-
rotten kann, niemals sein Wirken bestimmen lassen darf) eröffnete Prof. Lefevre
die Tagung und schlug damit einen Ton der Ermutigung an, den wie auf eine
geheime Absprache die beiden anderen Redner des Vormittags aufgriffen:
Prof. Mohr von der rheinland-pfälzischen Landesregierung („Die Bedeutung der
alten Sprachen für die gymnasiale Bildung“) und besonders der Staatsrechtler
Prof. Schiedermair, Präsident des Hochschulverbandes („Das Gymnasium und
der Bildungsauftrag des Staates“). Wenn schon, wie die Judikaturin der Bundes-
republik beweist, der Bildungsbegriff zur Leerformel wird, so ist der Erziehungs-
begriff in den Länderfassungen fest verankert, und dem Sozialstaatsauftrag

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