Deutscher Altphilologenverband [Editor]
Mitteilungsblatt des Deutschen Altphilologenverbandes — 25.1982

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fächerten Kurssystems in der Reformierten Oberstufe sei der reinen Wissensver-
mittlung der Vorrang gegeben worden. Dabei gingen die menschlichen Bezüge
zurück, wie der Klassenzusammenhalt und die persönliche erzieherische Einwir-
kung des Lehrers, die gerade für die Bildung des Charakters und eines Werte-
systems wichtig ist. Außerdem kann die Erziehung zur Moral humanistischen
Menschentums nicht stattfinden, wenn gerade die Hauptfächer, in denen sie
hauptsächlich durchgeführt werden soll, wie Deutsch, Geschichte, Latein usw.
aus Bequemlichkeit abgewählt werden. Deshalb wird m. E. mit Recht befürwor-
tet, sie jetzt wieder als sogenannten Fächer-Kanon obligatorisch zu machen.
Diese konkreten Probleme können hier aber von mir nicht weiter ausgeführt
werden, sondern müssen den im Schulwesen tätigen Fachmännern unter uns
überlassen werden. Ich wollte nur das Interesse an den grundsätzlichen Bildungs-
fragen wecken und dazu sollte dieser sehr persönlich gefärbte Vortrag einen
Beitrag leisten. prof. Dr Meyer_Cording> Bonn

Presseschau
„DENKEN NICHT GELERNT“
Unter diesem provozierenden Titel hat der „Elternkurier“ (herausgegeben von der Landes-
elternvertretung der Gymnasien des Saarlandes) das folgende Gespräch mit Prof. Ullrich
über die Effektivität der Reformierten Oberstufe veröffentlicht. Prof. Ullrich ist in Homburg/
Saar als Vertreter des Faches physiologische Chemie an der vorklinischen Ausbüdung der
Medizinstudenten beteiligt. Die Verhältnisse am Gymnasium kennt er als Vater und Eltern-
vertreter in der Fachkonferenz Chemie/Physik.
Die griffig formulierten Thesen von Prof. Ullrich werden jedem Altphilologen wohltun.
Seine Fächer werden ja auch nach der Einführung der Reformierten Oberstufe so unterrich-
tet, daß Häufung von Spezialwissen weitgehend vermieden wird bzw. weitgehend gar nicht
stattfinden kann, weil die innere Struktur des Faches es nicht zuläßt. Er wird also sagen
können: Was hier gefordert wird, das haben wir Altphilologen schon seit langer Zeit prakti-
ziert, und wir praktizieren es nach wie vor. Mit besonderer Genugtuung wird er lesen, „daß
Abiturienten des humanistischen Gymnasiums ..., die gelernt haben, Informationen zu ver-
arbeiten, Probleme zu durchdenken und Lösungen zu finden, für eigentlich jedes naturwis-
senschaftliche Studium besser geeignet sind als z. B. Absolventen der naturwissenschaftli-
chen Leistungskurse.“
Doch haben solche Worte neben der tröstlichen „darstellenden Seite“ auch fordernden
„Appellcharakter“. Denn bat unsere altsprachliche Didaktik schon genügend eruiert, wel-
che Erwartungen von seiten der Wissenschaft gerade an unsere Fächer gerichtet werden,
damit sie in dem geforderten Sinne - und Stimmen dieser Art mehren sich ja - propädeu-
tisch sind? Und niemand wird gar behaupten, wir wüßten schon genau, in welchem Umfang,
in welchem Maß, in welcher fachspezifischen Weise wir unseren Beitrag zur Erfüllung die-
ser Forderungen leisten können, d. h. wie wir das Denken lehren. Eines ist sicher: Die Wis-
senschaftspropädeutik, die die Universität von der Schule erwartet, muß schul- und schüler-
gerecht sein. Denn (um eine schöne Formulierung von Prof. Flashar aufzugreifen) wenn
die Schule vor der Zeit Universität spielen will, muß die Universität nachher die Schule
nachholen - und damit ist weder der Schule noch der Universität gedient, weil beide so
das Eigene verfehlen.

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