Deutscher Altphilologenverband [Editor]
Mitteilungsblatt des Deutschen Altphilologenverbandes — 25.1982

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zuschränken. Für die Mittelstufe bedeutet das nicht unbedingt den Verzicht auf
Caesarlektüre überhaupt, aber mindestens ihre maßvolle Beschränkung und Ein-
bettung in andere Textsorten und Inhalte, und die Schwerpunkte werden eher
ethnographische Exkurse sein (Gallier — Druiden — Germanen) als immer wie-
der der Helvetierkrieg.

Eigentlicher Ort für eine längere Caesarlektüre, so scheint mir, ist aber doch die
Oberstufe, wobei die Gestalt des Vercingetorix den Vorrang verdient; ein sinn-
volles Lateincurriculum ohne Caesarlektüre muß aber mindestens vorstellbar
sein! Ihre Dominanz auf der Mittelstufe widerspricht nicht zuletzt dem längst
fälligen und vielfach in den Lehrplänen der Bundesländer auch schon vollzoge-
nen „Paradigmenwechsel“·, an die Stelle früherer Kategorien: Krieg, Herrschaft,
Expansion, imperiales Denken und Vorrang monumentaler Historie zum Zwecke
patriotisch-kriegerischer Ertüchtigung sind andere — humanere — Zielvorstel-
lungen getreten, nämlich Frieden, Toleranz, Koexistenz, soziale Gerechtigkeit,
„Selbstbegrenzung“ des Menschen (Ivan Illich), aber auch Individualität, Sensi-
bilität, die unverkürzte Lebensvielfalt also, wie sie in neueren Übungsbüchern
glücklicherweise schon präsent ist. Daß durch diesen Paradigmenwechsel die
historische und politische Dimension des Menschen nicht ausgeblendet werden
darf, versteht sich von selbst. „ . ,
Paul Bane, Landau

Ubi sunt qui aiunt ξώσης φωνηςΊ1 Oder:
Vom Nutzen korrekter Lateinaussprache
In der Diskussion über die klassische Aussprache des Lateins wurde in letzter
Zeit wiederholt die Meinung vertreten, man solle lieber überhaupt sprechen als
durch die Beschäftigung mit richtiger Aussprache Zeit verlieren.
Jedoch: Ist nicht die Aussprache das Medium der Vermittlung von gespro-
chener Sprache? Über die Bedeutung von Erdgas z. B. mag grundsätzlich Einig-
keit herrschen; daß aber die zum Transport nötigen Röhren von keinesfalls
sekundärer Bedeutung sind, hat erst die jüngste Vergangenheit bewiesen.
Wollte auch ich mein Anliegen auf eine Formelbringen,so würde ichmeinen:
„Wenn schon Latein sprechen, warum dann nicht gleich richtig?“
Die Sprachwissenschaft ist imstande, dem Interessierten alle nötigen Aus-
spracheregeln an die Hand zu geben, die nur in wenigen Fällen noch umstritten
sind.
Wer sich allerdings ernsthaft um eine gepflegte Aussprache bemüht, setzt
sich nicht erst heutzutage der Kritik aus. Schon Plutarch karikierte die in der
Antike weithin geübte Hiatmeidung so: Wenn einer den Zusammenstoß zweier
Vokale fürchte, dann sei es kein Wunder, daß er vor einer feindlichen Phalanx
davonlaufe2. Und von tiefem Ernst ist der Vorwurf Augustins gegen einige Ge-
1 Cicero, Ad Att. 2, 12, 2. 2 De gloria Atheniensium 8.

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