Zeitschrift für christliche Kunst — 9.1896

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189G.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 1.

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Gebote angebracht. Wir müssen uns dabei er-
innern, dafs der Ausgang des XV. Jahrh. die
Zeit war, in welcher der Decalogus, als Aus-
gangspunkt für die Beichte, besonders häufig
kommentirt, beschrieben und bildlich darge-
stellt wurde. Tafeln mit den Geboten für die
Analphabeten mit drastisch wirkenden Bildern
versehen, wurden überall in Kirchen, Schulen
und geistlichen Stiftern angeheftet, die diesen
Gegenstand behandelnden Bücher reichlich mit
Holzschnitten ausgestattet, so dafs auch diese
in farbigen Steinreliefs sich uns darstellende

Gebiete beherrschenden scholastischen Lehr-
weise die Beweisgründe der Reihenfolge nach
unter Zahlenbenennung aufgeführt wurden. Der
Stab, die virga, deutet in noch verständlicherer
Weise den Lehrer der Jugend an, die nicht
ausschliefslich durch ermahnende Worte zur
Aufmerksamkeit angehalten wurde. Die Poly-
chromie des Steines, bei der wir wohl eine
spätere Auffrischung annehmen dürfen, ist sehr
lebhaft; das Mefsgewand und die Kopfbedeckung
sind roth, Chorhemd und Kreuz weifsgelb, Ma-
nipel und Stab braun, die Fleischtheile natur-

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Wiedergabe
sich vollstän-
dig in den
Lehrapparat
der damaligen
Zeit einfügt.

Um unse-
rer Abbildung
eine kurze Be-
schreibung des
Fundes beizufügen, so ist der Grabstein des
Magisters Lupi 2 m hoch, 1,10 m breit bei
einer durchschnittlichen Stärke von 0,2G m,
und ebenso wie alle andere Skulpturen der
Kirche aus dem feinkörnigen rothen Main-
sandstein gemeifselt. Die zweite Platte, welche
mit der oberen Kante des Grabsteins bündig
eingemauert war, mifst 2,30 m auf 1,10 m und
ist 0,17 m stark. Der Grabstein zeigt den
Pfarrer in geistlicher Kleidung, augenscheinlich
als Lehrer der Jugend dargestellt, worauf die
zählende Bewegung der Finger und der Stab
in der linken Hand deutet. Die Fingerstellung
ist während des ganzen späteren Mittelalters
die für Kirchenlehrer, Theologiedocenten und
wie hier auch für Prediger und Kinderlehrer
typische, und beruht darauf, dafs in der alle

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farbig gemalt; das Ganze hebt sich von einem
hellgrünen Grunde ab. Der rothgefärbte Rand
trägt in gothischen Minuskeln die Inschrift:
Anno + dni + m° + CCCC + LXVIII +
magisier + Johannes + Lupi + primus + />le-
banits + hujus + ecclcsie + dector-decem +
preceptorum + dci + obiit + in + die. +
sancli + Jlicronimy +

Die zweite Steintafel enthält in zwölf halb-
kreisförmig geschlossenen Nischen von 30 auf
40 cm Gröfse die Darstellung der zwölf Ge-
bote Gottes. Sehr bemerkenswerth ist die
sonst wohl kaum vorkommende Andeutung der
Zahlen der einzelnen Gebote durch aufgehobene
Finger, in der Weise, wie der Lehrer sie wohl
in praxi seinen des Lesens unkundigen Schülern
einzuprägen pflegte. Die Darstellungen werden
durch Schriftzeilen begleitet, welche in go-
thischen Minuskeln den Spruch aus Prov. VII,
1 bis 3 enthalten: fili mi serva ■ mandata ■
tnea ■ et ■ vives ■ et ■ legem ■ mcam ■ quasi ■
pupillam ■ oculi ■ tut ■ liga ■ cum ■ in ■ digitis
tuis ■ scribe ■ illam ■ in ■ tabulis ■ cordis ■
tui ■ Auf der ersten Abbildung ist Moses dar-
gestellt, die Strahlen seines Hauptes als Hörner
gebildet, in der Linken die Gesetztafeln haltend,
aufweichen in der von der Kirche festgestellten
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