Zeitschrift für christliche Kunst — 9.1896

Page: 379-380
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189G. _ ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 12.

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Bücherschau.

All) um-Souvenir du baron Belhune. Publie
par la Gilde de Saint-Thomas et Saint-Luc.
In pietätvoller dankbarer Erinnerung an die un-
sterblichen Verdienste ihres am 18. Juni 189t ge-
storbenen langjährigen Präsidenten und Altmeisters
Jean Hethune hatten die beiden Gilden in ihrer Ge-
denkfeier am 4. Juli 1894 beschlossen, in einem Album
einige künstlerische Schöpfungen desselben zu ver-
einigen, um ihm ein Ehrendenkmal zu errichten, welches
zugleich die Art seiner künstlerischen Thätigkeit in
das hellste Licht setzen sollte. Bei der Masse des
von dem rastlosen Meister zurückgelassenen Materials
und bei der ungewöhnlichen Mannigfaltigkeit seiner
Entwürfe, mag die Auswahl nicht leicht geworden sein.
Es darf ihr aber bezeugt werden, dafs sie eine sehr
glückliche ist, denn das vor Kurzem im Verlage der
Societe de Saint-Augustin erschienene (von dem Schatz-
meister Joseph Casier in Gent, Rue des Remouleurs 91,
für 13 fr. zu beziehende) Album bietet auf seinen G9
theils phototypisch, theils zinkographisch vortrefflich
hergestellten einfachen und doppelten Tafeln einen
solchen Schatz von Vorlagen aus dem Bereiche der
kirchlichen und profanen Architektur, der Holz- und
Steinplastik, der Möbelausstattung für Kirche und Haus,
der Wand- Tafel- und Glasmalerei, für Gold- und Eisen-
schmiede, für Stickerei und Buchfassung, dafs diese
Vielseitigkeit des Könnens mit Bewunderung erfüllt
für den Meister, der eine eigentliche systematische
Vorbildung nicht genossen halte und seinem emi-
nenten Talente, seiner Inspiration durch die mittel-
alterlichen Kunstdenkmäler, namentlich der gothischen
Periode, und seiner weihevollen Hingebung diese
enormen Erfolge verdankte, welche zugleich von der
Einheitlichkeit seines Denkens wie von der Tiefe seines
Empfindens das herrlichste Zeugnifs ablegen. Des-
wegen ist dieses Album auch eine wahre Fundgrube
von Vorbildern für alle Künstler und Kunstinteressenten,
welche dem gothischen Stile, zumal in seinen strenge-
ren Formen das Wort reden und die Hand leihen.
Ueberall merkt man den Anschlufs an die alten Muster
heraus, aber in so freier, selbstständiger Benutzung,
dafs von strengen Stilisten sogar hier und da wie
im Ornament, so in der figürlichen Durchbildung die
Konsequenz vennifst werden mag. Alle Tafeln, zu
denen eine eingehende Beschreibung die Erklärungen
gibt, tragen den Stempel seines Geistes und seiner
Hand. Mögen sie der Richtung, die er geschaffen,
den Schulen, die er gegründet, den Künstlern, die er
inspirirt hat, noch lange eine Leuchte sein auf dem
Gebiete der christlichen Kunst-Auffassung und Be-
tätigung I __________ Schnitt gen.

Die Kirche der Heiligen Ulrich undAfra zu
Augsburg. Beitrag zu ihrer Geschichte haupt-
sächlich während der romanischen Kunstperiode.
Von Prof. Dr. J. A. Endres. Augsburg 1896. Druck
von J. P. IIimmer.
Dieser (als Sonderabdruck aus der »Zeitschrift des
histor. Vereins fürSchwaben und Neuburg*, XXII. Jahrg.,
erschienene) Aufsatz bringt interessante Aufschlüsse über
die kunslgeschichtlich äufserst merkwürdige Doppel-

basilika der Heiligen Ulrich und Afra durch den Nach-
weis des ursprünglichen Grabes der altchristlichen
Märtyrin und der Gestalt ihrer Kirche zur Zeit des
hl. Ulrich (f 973), der an dieselbe seine eigene Con-
fessio mit drei Abstufungen anbauen liefs. Den Aus-
bau beider Kirchen zur Doppelbasilika besorgte Bischof
Embriko gegen 1070 und ihr Wiederaufbau erfolgte
von 1183 bis 1187 in der Weise, dafs sie als eine
romanische Anlage mit zwei östlichen Apsiden und zwei
durch eine Säulenreihe geschiedenen Chören und Schiffen
erschien. Auch über die Ausstattung der beiden Chöre
mit Wand- und Glasgemälden, sowie mit Teppichen,
weifs der Verfasser viel Eigenartiges zu berichten und
schliefst seine an neuen Gesichtspunkten reiche Ab-
handlung mit einem „Blick auf die nachromanischen
Geschicke der Kirche", welche von 1407 bis 1474
einer gänzlichen Umgestaltung unterzogen wurde, 1500
eine Erneuerung des Hauptchores erfuhr, die erst
nach 10ü Jahren zum Abschlüsse gelangte in der bis
heute erhaltenen Gestalt. £>,

Die Wiederherstellung des Marienburger
Schlosses. Von Dr. C. Stein brecht, Königl.
Baurath. Mit 9 Abbildungen. Berlin 189Ü. Verlag
von Wilhelm Ernst & Sohn. (Preis 1,80 Mk.)
Das gewaltige Ordenshaupthaus Marienburg in West-
preufsen, als Komthurei 1280 gegründet, zur Residenz
der Hochmeister von 1309 an ausgebaut, durch das
mannigfaltigste Ungemach verwüstet und zur Ruine
erniedrigt, erfuhr endlich eine partielle Wiederherstellung
in den Jahren 1815 bis 1848, also in einer Zeit,
welche, trotz aller Begeisterung, dieser schwierigen Auf-
gabe noch nicht hinreichend gewachsen war. Um so
gröfseres Lob darf der zweiten, eigentlich erst 1880
begonnenen Restauration gezollt werden, vielmehr dem-
jenigen, der sie mit ebenso bewunderungswürdigem
Geschick als Eifer geleilet hat, und der in dem vor-
liegenden (auf der XII. Wanderversammlung des Ver-
bandes deutscher Architekten- und Ingenieur-Vereine
in Berlin am 31. August 189G gehallenen) Vortrage
über die ganze Baugeschichte höchst anschaulich be-
richtet, seine eigene Person ganz in den Hintergrund
drängend, obgleich die durchaus korrekte Art der
Ausführung fast allein ihm zu danken ist, seinen Studien,
seinen Grundsätzen, seiner Hingebung, seiner Aus-
dauer. Den ursprünglichen Zustand so viel wie irgend
möglich wiederherzustellen war und ist sein höchstes
Ziel; deswegen scheute er keine Mühe, ihn zu er-
kennen, kein Opfer, ihn zu erreichen, nicht blofs in
Bezug auf die bauliche Ausgestaltung, sondern auch
auf die innere Ausstattung, für deren kleinste Einzel-
heiten ihm keine Untersuchung zu umständlich war.
Seine konservative Gesinnung, sein Respekt vor den
alten Kunstdenkmälern, seine Unterordnung unter die
ihnen entnommenen Regeln, waren das Produkt der
umfassendsten Kenntnisse, der klarsten Erkenntnifs, der
reifsten Erfahrung, und wenn diese aus solcher Tiefe ge-
schöpften Grundsätze, als die einzig richtigen Leitsterne
für jedwede Restauration endlich angefangen haben,
Schule zu machen, so ist dies zum guten Theile dem Ver-
fasser auf sein Verdienstkonto zu setzen. Schntttgen.
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