Zeitschrift für christliche Kunst — 9.1896

Page: 181-182
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1896. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 6.

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öffneten Kreuzblume sehnsuchtsvoll dem Ueber-
irdischen entgegenseufzen.

Die Welt des Mittelalters umschlofs selt-
same Gegensätze, die jedoch harmlos neben-
einander ruhten und darum den Menschen von
damals in ihrem Widerstreit nicht zum Be-
wufstsein kamen, vielmehr in naiver Unbefangen-
heit sich verbanden und mischten. Auf der
einen Seite ein tiefquillender und bis zum
mystischen Aufgehen in das Uebersinnliche ge-
steigerter religiös-sittlicher Idealismus, auf der
anderen Seite ein ohne Scheu sich geltend
machender Eidensinn, ein derber Realismus
des Lebens. Lebte jener in den streng kirch-
lichen Kreisen, vorzugsweise getragen von den
Söhnen des enthusiastischen Meisters der Ar-
muth und Entsagung, so fand dieser seinen
Boden in dem erwerbsfreudigen und genufs-
liebenden Bürgerthume. Dafs gleichwohl die
Minderbrüder die begeistert verehrten Seelen-
leiter der städtischen Bevölkerung waren, be-
weist, wie wenig diese Richtungen sich flohen.
Auch in der gothischen Kunst, die auch in
dieser Hinsicht der getreue Wiederhall der
Geistesverfassung jener Zeiten war, treffen beide
friedlich zusammen. Neben der mystischen und
spiritualistischen Ader, die durch alle ihre Ge-
bilde geht, wagt sich ein erquickender Realis-
mus hervor. Freilich nur in untergeordneten
Dingen und mehr an der Aufsenseite, wo der
Geist der Architektur sich der umgebenden Welt
entgegenstreckt. Alle Blattornamente sind un-
mittelbar der Natur entnommen, und zwar den
heimischen Pflanzenarten. Die Ziergiebel, die
Thurm- und Fialenspitzen sind von dem zottigen
Kohlblatt der Krabben umsäumt. Um die

Kapitale der Säulen und Pfeiler schlingt sich
das Laub der Reben, der Eiche, des Ahorns,
der Stechpalme u. s. w. Die endende Gothik
hat sich in der Naturwahrheit des pflanzlichen
Schmuckes nicht genug thun können und ist
bis zum Naturalismus vorgeschritten: die Blätter
erscheinen mit ihren Früchten und den roh
abgeschnittenen Stengeln, die profilirten Stäbe
an den Thürumrahmungen und anderswo sind
durch knorriges Astwerk ersetzt. An Wasser-
speiern, Konsolen, den Fratzen des Chorge-
stühls und der Lettner ist die volksthümliche
Realistik soweit getrieben, dafs sie uns nicht
selten anstöfsig vorkommt. Es lag ganz im
Geschmacke jener Kultur, selbst das bis zum
Thierischen Unedle dienend dem Heiligen bei-
zugeben.

Das Eindringen realistischer Elemente in
die kirchliche Baukunst, das hier zum ersten
Male in der Geschichte stattfindet, ist auch ein
Beweis dafür, dafs die Gothik etwas völlig
Neues darstellt. Die letzten Spuren des Klassi-
schen, die bisher in allen Stilformen sich fanden,
sind verwischt. Die gothische Kunst ist eben
ganz aus dem germanischen Volkswesen her-
vorgegangen, aber in dem ersten Augenblicke
ihres Entstehens von den Armen der Kirche um-
fangen und von ihrem Athem belebt worden.
Die Renaissance greift dann wieder entschlossen
die antiken Traditionen auf und hält sie auch
im Barock und Rokoko fest. Damit wird sich
unsere kulturgeschichtliche Betrachtung nicht
mehr beschäftigen, sondern der Gegenwart und
ihrer Wiederbelebung der Gothik zuwenden.

(Schlufi folgt.)
Bonn. Heinrich Schrörs.

Umbau der katholischen Pfarrkirche in Bedburg (Kreis Kleve).

Mit 5 Abbildungen.

"RjwnH itht weit von Kleve, in dem < irte
k^ara, Bedburg steht eine alte, hoch-
interessante Kirche, welche in
früheren Zeiten zu dein dort ge-
legenen Prämonstratenserkloster gehörte und
später, nach Abbruch des Klosters, als Pfarr-
kirche benutzt wurde. In ihrer jetzigen Ge-
stalt präsentirt sich die Kirche als eine ein-
schiffige Anlage mit sehr beschränkten Maafsen
(in den Abbildungen sind die vorhandenen

Theile schwarz angegeben), ursprünglich jedoch
stand hier eine romanische Kreuzkirche, von
welcher indessen nur noch der mächtige und
sehr interessante Thurm, sowie der östliche
Flügel mit einem in spätgothischer Zeit ange-
bauten Chor vorhanden ist. Eine genaue Be-
schreibung der Kirche ist in dem Werke
»Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz« von
P. Clemen (I. Bd., Kreis Kleve, S. 14, 15)
enthalten:
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