Zeitschrift für christliche Kunst — 9.1896

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1896. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 10.

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Ueber rheinische Elfenbein- und Beinarbeiten des XI. und XII. Jahrh.

II. (Schlufs.)

Doch soll damit keineswegs angedeutet

egen Molinier's Annahme lassen sich
aber noch mancherlei Bedenken,
hauptsächlich stilistischer Art
anführen, welche mehr in die Wag-
schale fallen dürften, als seine zweifelhaften
Beweise zu Gunsten derselben.

Zunächst steht es fest, dafs die Figurendar-
stellungen aller in Frage kommenden Reliquiare
in keineEpoche des reinbyzantinischen
Stiles hineinpassen, sondern, wie Molinier
selbst zuzugeben scheint (auf S. 86 des Katalogs),
an die Kunst des XI. und XII. Jahrh., und
zwar des Abendlandes, erinnern. Gesetzt nun
auch, es hätten sich zur Zeit des lateinischen
Kaiserthums in Konstantinopel, in der ersten
Hälfte des XIII. Jahrh., abendländische Kunst-
handwerker daselbst niedergelassen und Bein-
arbeiten ausgeführt, so wäre es doch ein sonder-
bares Vorgehen gewesen, wenn sie, statt der
gleichzeitigen, schon hoch entwickelten
Skulpturwerke des Abendlandes, absichtlich die
viel rohere Technik und die barbarischen Typen
älterer, abendländischer Kunstperioden nach-
geahmt hätten. Ebenso unwahrscheinlich ist
es aber auch, dafs einheimische, byzantinische
Künstler solche abendländische Inkunabeln zum
Vorbild genommen hätten, statt sich der ihnen
geläufigen vollkommeneren Technik und Formen-
gebung zu bedienen. Nicht minder auffallend
wäre es gewesen, wenn sie fehlerhafte lateinische
Inschriften, statt der ihnen verständlichen grie-
chischen angebracht hätten.

Die Fehler in den lateinischen Namen der
Heiligen, wie „Gespas" statt „Caspar" am
Reliquiar im Hotel Cluny oder „Felipus''
statt „Philippus", am Reliquiar in Budapest,
lassen sich viel natürlicher aus der fabrikmäfsigen
Flüchtigkeit der Herstellung und der Unkennt-
nifs des Lateinischen auf Seiten abendlän-
discher Hand werker erklären, welche, dem
abendländischen Brauche gemäfs, lateinische
Inschriften anbringen mufsten. Aehnliche Fehler
finden sich z. B. auch an zahlreichen longobar-
dischen und altlombardischen Skulpturen in
Stein und Elfenbein vom VIII. bis X. Jahrh.
und wohl noch später.')

') Beispiele: Die Inschrift am Ciborium von
S. Giorgio in Valpolicella (Cattaneo »L'architetlura in
Ilalia etc.« p. 79); am Altar von Ferentillo (ibid. p. 13).

werden, dafs diese Reliquiare etwa aus Italien
stammen, vielmehr bin auch ich der Ansicht,
dafs dieselben rheinische Arbeiten vom
XL oder XILJahrh. seien.

Hierfür läfst sich zunächst in der That die
Provenienz nicht nur des Berliner Re-
liquiars aus Bonn2), (welche E. Molinier als
unmafsgeblich für den Ursprung betrachtet),
sondern auch der beiden Darmstädter Re-
liquiare aus Köln anführen, wo sie in der
Säkularisationszeit von Baron Hüpsch erstanden
wurden.8)

Auch weist Schaefer mit Recht „auf die
Gleichartigkeit" hin, „welche bezüglich des
Turrisaufbaues zwischen diesen letzteren Elfen-
beinwerken (oder Beinwerken) und dem im
grofsherzoglichen Museum dicht daneben auf-
gestellten prachtvollen Email-Turrisreliquiarium
obwaltet, dessen Hervorgehen aus der altkölni-
schen Emailschule von Niemand mehr ange-
zweifelt wird."

Schaefer hebt ferner mit Recht hervor, dafs
„gerade damals . . . bekanntlich in erster Linie
am Rhein, durch die Vereinigung des byzan-
tinischen Kuppelbaues mit der Basilikaanlage,
jene herrlichen Blüthen der romanischen Archi-
tektur entstanden, die heute noch ein Gegen-
stand der Bewunderung sind und die in ihren
stattlichen Oktogonen auch den Elfenbeinkünstler
der Epoche zur Nachahmung reizen mochten,
ganz abgesehen davon, dafs die Centralanlage
für Baptisterien und Grabkirchen längst beliebt
war" . . .

Einen Kuppelbau (in der Art, wie das
Obergeschofs des heiligen Grabes- auf Elfen-
beinen des VI. bis X. Jahrh. öfter dargestellt
wurde) sehen wir in der That auf einem Elfen-
beinrelief des XL Jahrh. in der Stadtbibliothek
zu Trier aus dem Kesselstadtschen Nachlafs/)

-') »Beschreibung der Bildwerke etc. im Berliner
Museum« n. 460.

3) Siehe Schaefer o. c. pag. Gl.

4) Aus'm Weerth, »Kunstdenkmäler des christ-
lichen Mittelalters in den Rheinlanden«. Taf. LVIII,
n. 6. Text: Bogen 12, p. 90.

Obige Erklärung dieser Szene findet durch das
Relief in der Bogenlünelte des Neuthors zu Trier,
welches Aus'in Weerth selbst auf Taf. LXII, Fig. 5
seines Werkes publizirt hat, ihre Bestätigung und tlieil-
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