Zeitschrift für christliche Kunst — 9.1896

Page: 105-106
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1896. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTUCHE KUNST — Nr. 4.

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Die Nebenthüren haben Vorhallen be-
kommen und liegen vor den westlichen Mauern
der Kreuzarme und der Seitenschiffe. Aufser
der Situation sprach auch die zugfreiere An-
lage für diese Aenderung des Projektes. Die
Sakristeien legen sich in die Winkel der Chor-
und Kreuzschiffsmauer, sind beiderseits gleich
und haben einen Vorraum für die Diener und
einen Hauptraum für die Priester.

Die Säulen des Innern, wie die Gewölbe-
rippen, und die ganze äufsere Blendung sind
aus Sandstein, die Hintermauerung aus Ziegel-
steinen gebildet, das Dach ist mit bestem eng-
lischen Schiefer gedeckt. Der Bau ist im
Herbst 1891 angefangen und im Herbst 1894,
als er ganz vollendet war, eingeweiht. Die
Baukosten betragen 240000 Mark. Die Ge-
meinde hat diese Kosten unter thatkräftiger
und umsichtiger Leitung ihres Pfarrers, Herrn
Weuker, freiwillig dem hehren Zwecke gewidmet.

Für das Inventar, welches bis jetzt zum
gröfsten Theile noch fehlt, ist auch schon
manches geopfert, aber die Sachen sollen mit
nöthiger Ruhe beschafft werden. Die Fenster
des Langschiffes sind mit bestem Antikglase
in streng geometrischen Mustern, in welche
Ornamente eingebrannt sind, verglast; aber in
den untersten vier Feldern der Fenster sollen
die vierzehn Stationsbilder eingebrannt sein.
Ein Bild ist bereits fertig. Die Anzahl der
Fenster stimmt gerade für diese Szenen, und
welche Darstellungen in den Fenstern könnten
zur Erbauung dienlicher sein, als gerade diese,
wenn bei guter Durchführung derselben nicht
allein auf harmonisches Farbenspiel, sondern
auch auf erbaulichen Ausdruck und gute Zeich-
nung der Figuren geachtet wird! Die Stations-
kreuze sind unter jedem Fenster in besonders
reicher Fassung angebracht.

Mlinster.

Wilhelm R i n c k 1 a k e.

Ist die Kapelle auf dem Valkhofe zu Nimwegen von Karl dem Grofsen erbaut?

(Schlafs.)

Ohne gesunde nationale

ifs die Pfalzkapelle zu Nimwegen
von höhcrem Alter als die Aache-
ner Palastkirche und von Einfluß
auf die Gestaltung der letzteren
gewesen sei, scheint um so weniger annehm-
bar, wenn man die Geschichte und den Cha-
rakter des Aachener Baues in's Auge fafst-
Bekanntlich berichtet Einhard, dafs Karl Säulen
zu diesem Bau aus Rom und Ravenna herbei-
geschafft habe, und die geschichtliche Ueber-
lieferung, dafs der Kaiser vom Papste Hadrian I.
die Erlaubnils erhalten habe, die Fufsböden
und Wände des Theoderichpalastes zu Ra-
venna auszuplündern, soll ebenfalls der Glaub-
würdigkeit nicht entbehren.1) Unter den Aache-
ner Säulen befindet sich thatsächlich eine nicht
geringe Zahl, welche wohl nur aus Italien
herbeigeschafft sein kann,2) obwohl auch
andere Orte, z. B. Trier, vielleicht auch Verdun
und Köln (St. Gereon), Material geliefert haben
sollen. Wie nun Säulen und anderer Schmuck
mit unsäglicher Mühe über die Alpen geschafft
worden ist, so wird umsomehr die künstlerische
Idee von den grofsartigen Bauten Italiens be-

') Vgl. Reber a. a. O. II, S. 9 und 36.

J) Ucber dieselben vgl. Rhoen a. a. O. S. 50 ff.

einflufst worden sein.
Elemente zu verachten, zollte Karl der römi-
schen Civilisation und Kunst die gröfste Be-
wunderung, und Einhard, einer der einflufs-
reichsten Personen am Hofe, schöpfte sogar aus
dem Vitruv seine baukünstlerische Belehrung.
Beim Aachener Bau, der hervorragendsten
Leistung jener Zeit, wird der Kaiser daher
sein Vorbild Zweifel! >s in Italien gesucht haben.
Der Bau selbst unterstützt auch diese Ansicht.
Eine doppelte Säulenstellung, wie wir sie in
Aachen sehen, war wie an den Fenstern der
S< iphienMrche zu Konstantinopel und der Kirche
zu Ancvra in Kleinasien damals wahrschein-
lich auch an einzelnen Kirchen Italiens schon
vorhanden. Jedenfalls findet man dort noch
mehrere Kirchen, bei denen einzelne Fenster
durch Säulenpaare ausgefüllt sind, welche un-
vermittelt gegen die Bogenlaibungen stossen
(/.. B. St. Fosca auf der Insel Torcello, St. Gia-
como cli Rialto in Venedig und St. Michaele
zu I'avia). Herrmann3) hat angenommen, dafs
in Aachen die Gröfse der Bogenöffnungen Ver-
anlassung zu jener doppelten Säulenstellung
gegeben habe. Es mufs jedoch dahin gestellt

••>) a. a. O. S. 101.
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