Zeitschrift für christliche Kunst — 9.1896

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1896.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 5.

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Die kirchlichen Baustile im Lichte der allgemeinen Kulturentwickelunp;.

IV. Die romanische Basilika.

as V. und VI. Jahrb. sahen im
Westen die allmähliche Auflösung
des römischen Weltreiches. Von
den Fluten der Völkerwanderung
unterspült und zernagt, sank der erhabene
Bau, die letzte und höchste Leistung der alten
Menschheit, zusammen, zum leidenschaftlichen
Schmerze nicht blos der römischen Staats-
lenker, sondern auch der Männer der Kirche,
in deren Namen ein Hieronymus und Sal-
vianus erschütternde Klagen erhoben, noch
ehe die Katastrophe sich vollendet hatte. In-
ders, was sie ebenfalls befürchtet hatten, ge-
schah nicht: die klassische Kultur überdauerte
den Sturz des Staatswesens, das aus ihr her-
vorgegangen war. Die nordischen Barbaren,
die dröhnenden Schrittes ihren Boden betraten,
beugten sich, obschon Sieger, in naiver Be-
wunderung vor der überwältigenden Hoheit
des antiken Wesens. Gerade die Kirche aber
war es, die ihnen im vollem Glänze desselben
und als die edelmütige Hüterin der alten
(Zivilisation entgegentrat. Darum mufste in
den von den Germanen eroberten ehemals
römischen Ländern auch die altkirchliche Bau-
kunst fortleben, zwar nur in dürftiger Schön-
heit und alle Zeichen des Niederganges an
ihrer Stirne tragend, aber doch in den Formen
und Gedanken die alte. Die Basilika hat im
wesentlichen unverändert bis in die karolin-
gische Zeit geherrscht.

Erst als Karls des Grofsen mächtiger Geist
und ebenso mächtiger Arm das neue Imperium
geschaffen hatten, das trotz seines römischen
Namens ein echt germanisches Staatengebilde
war, begann eine neue Kulturepoche von
selbstständiger Bedeutung. Aber sie begann
auch nur. In einem langen, mühsamen Wach-
sen hat sich die frühmittelalterliche Kultur in
der nordischen Welt emporgerungen. Die Zeit
der Karolinger und Ottonen war die Periode
der Befruchtung, die die geretteten Keime der
antiken (Zivilisation in den Schoofs jungfräu-
licher Nationen senkte. Und auch nachdem
daraus die christlich-germanische Bildung her-
vorgegangen war, ist diese bis zum Ende des
XII. Jahrb., der Grenze des früheren Mittel-
alters, über die Stufe des Werdens eigentlich
nie hinausgekommen, nie zu einer in sich voll-

endeten Blüthe und zum ruhigen Genüsse
ihrer selbst gelangt. Ihrem Gipfel nahege-
kommen, wurde sie durch die kirchlich-bürger-
liche Kultur des Spätmittelalters abgelöst. So
bieten diese Jahrhunderte ein Bild dar, das
ganz verschieden ist sowohl von dem Zeitalter
der Antike wie dem des entwickelten Mittel-
alters, die- beide mehr den Charakter abge-
schlossener Zuständlichkeit tragen.

Denselben Werdegang treffen wir in der
Baukunst an. Bis zum Jahre iooo etwa hat
sie blofse Nachahmungen der klassischen Weise
hervorgebracht, und fast nur in dem Mangel
an feinerer Schönheit der Verhältnisse und in
der rohen Ausführung verräth sich die mittel-
alterliche Hand. Die Aachener Pfalzkapelle
ist die mühselige Uebersetzung ravennatischer
Eleganz in die rauhen Laute deutscher Archi-
tektur. Die Werke von dem Anfange der
karolingischen bis zum Schlüsse der otto-
nischen Zeit sind als die Vorhalle der roma-
nischen Kunst zu betrachten. Und diese selbst
kann nur in ziemlich weitem Sinne als ein
einheitlicher Stil aufgefafst werden. Denn welch'
ein Abstand zwischen der schlichten Säulen-
basilika des XI. Jahrb. mit flacher Holzdecke
und dem durchgebildeten Gewölbebau einer
Kirche des sogenannten Uebergangsstils mit
ihrem prunkvollen, um nicht zu sagen koketten
Aeussern! Und auf diesem Wege wieviele
Fortschritte der innersten Konstruktionsprin-
zipien ! Nur ein loses Band schlingt sich um
diese verschiedenen Formen der romanischen
Baukunst, während die Basilika und der Cen-
tralbau des Alterthums die eine unwandelbare
Grundgestalt zeigen und auf der anderen Seite
auch die Gothik in allen Phasen ihrem ur-
sprünglichen Wesen treu geblieben ist. Der
Geist der Zeit war eben hier ein fertiger, dort
ein entstehender.

Trotzdem geht ein gewisser einheitlicher
Zug durch die Romanik, der Zug des alt-
christlichen Basilikastiles. Das zeigt sich vor
allem in dem Festhalten an dem basilikalen
Schema des Grund- und Aufrisses. Dieselbe
Anlage paralleler Hallen mit Ueberhöhung des
Mittelschilfes, die gleiche Art, an der Ostseite
ein Querschiff mit niedriger Apside vorzulegen,
die nämliche Anordnung der Fenster bleiben
mafsgebend unter allen Wandlungen des Stiles
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