Zeitschrift für christliche Kunst — 9.1896

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1896.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 11.

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Alte Passions- und

Glorifikationstafeln in der St. Mathiaskirche bei Trier.

Mit Lichtdruck (Tafel XI).

ine Reihe von zehn ge-
schnitzten Holztafeln ziert
die Wände des Chor-
hauptes der St. Mathias-
kirche bei Trier. Fast die
einzigen Ueberreste der
Schöpfungen alter Schnitzkunst daselbst, stellen
sie in Hochrelief Szenen aus den letzten Lebens-
tagen des Erlösers dar. Die Folge eröffnet der
Einzug in Jerusalem (vergl. Lichtdr. I). Der
Gottessohn, welcher auf dem Lastthiere sitzt,
naht sich mit den Jüngern dem mit zackigem
P"allgatter bewehrten Thore der hl. Stadt, aus
welcher die Bewohner frohlockend ihm entgegen-
kommen. Voll Ruhe und Würde, die Rechte
zum Segen erhoben, schaut der Herr auf die
Ankömmlinge hernieder, von denen einer eben
seinen Mantel auf der Erde ausbreitet. Im
Hintergrunde erhebt sich eine mächtige Palme,
auf welche zwei Personen hinaufgestiegen sind,
wie es scheint, nicht sowohl um Wedel abzu-
brechen, als vielmehr, um von erhöhtem Stande
aus Zeugen des Einzuges zu sein.

Die zweite Darstellung führt dem Beschauer
den Heiland vor, der gerade die Tempelreini-
gung vornimmt. Die Geifsel in hocherhobener
Rechten — mit der Linken hält er den Mantel-
zipfel fest, wohl damit er ungehindert seines
Amtes walten könne — jagt er die Wechsler
und Verkäufer in heiligem Zorneseifer aus dem
Heiligthum. Am Boden liegen in wirrer Un-
ordnung fische und Stühle mit anderem Ge-
räth durcheinander.

Auf der folgenden Tafel (vergl. Lichtdr. II)
sehen wir den Heiland am Oelberg vor einem
Felsen knieend in inbrünstigem Gebete ringen.
Im Vordergrund ruhen die Apostel, Petrus im
Schlaf mit der Linken das Schwert bedeutsam
umfassend. Oberhalb des Felsens erscheint
ein Engel mit einem Kreuz. Eine Nebengruppe,
der Verrath, füllt die rechte Seite des Hinter-
grundes. Judas gibt durch einen Kufs den
Schergen, welche sich anschicken, den Heiland
zu ergreifen, das verabredete Zeichen. Die
drei Jünger sind dem Kupferstiche Dürers B. 4
von 1508 entlehnt.1)

') [Diese und die folgenden Hinweisungen auf
Dürer verdanke ich meinem Freunde Herrn Professor
Dr. Max Lehrs in Dresden.] D. II.

Die Geifselung des Herrn (vergl. Lichtdr. III)
bildet den Gegenstand der nächsten Darstellung.
Der Gottessohn steht, nur mit einem Schurz
bekleidet, und die Vorderseite des Körpers
dem Beschauer zugekehrt, an einer Säule,
welche den Architrav eines Portikus zu tragen
scheint. Vor ihm liegt der Rock in zerknitter-
tem Gefältel am Boden; die beiden Schergen,
die Hintergrundfiguren und die Architektur
stimmen mit Dürers Kupferstich B. 8 von 1512
überein.

Die Dornenkrönung (vergl. Lichtdr. IV) der
fünften Tafel entspricht ganz und gar der Weise,
in welcher die Meister der Spätgothik dieses
Geheimnifs darzustellen pflegten. In der Mitte
der Szene sitzt der Heiland, den Oberleib vorn-
über geneigt, die in's Kreuz gefesselten Hände
auf das linke Knie gestemmt, den Mantel über
der Schulter, das Haupt mit den Dornen be-
deckt. Die beiden Peiniger, welche auf die
Stachelkrone schlagen, sind aus Dürers Kupfer-
stich B. 9 von 1512 herübergenommen, wie der
Vorhang und die Säulen. — Den Abschlufs der
Leidensszenen bildet die sechste Darstellung
(vergl. Lichtdr. V), die Verurtheilung oder besser
die Händewaschung, welche eine Kopie nach
Dürers Kupferstich B. 11 von 1512 ist.

Die Szene, mit welcher die Reihe der glor-
reichen Geheimnisse anhebt: die Erscheinung
Christi in der Vorhölle (vergl. Lichtdr. VI),
ist eine Kopie nach Dürers Holzschnitt B. 14
von 1510 (Grofse Passion).

Die Auferstehung, der Vorwurf der zweiten
der Tafeln, welche die glorreichen Geheimnisse
behandeln (vergl. Lichtdr. VII), weicht von der
landläufigen Darstellung nicht ab. Der Heiland
schwebt, die Siegesfahne in der Hand und um-
ringt von geflügelten Engelsköpfen, in falten-
reichem, flatterndem Mantel auf Wolken über
dem geschlossenen Grabe. Die sechs Wächter
beruhen ebenfalls auf einer Anleihe aus der
Grofsen Passion Dürers B. 15. Die Christus-
figur dieser Darstellung, wie der des Oelbergs,
der Geifselung und Dornenkrönung hat der
Künstler ohne Zweifel andern Vorbildern ent-
lehnt.

Interessanter als die achte sind die beiden
letzten Darstellungen: Christi Himmelfahrt und
das jüngste Gericht (vergl. Lichtdr. VIII u. IX).




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