Zeitschrift für christliche Kunst — 9.1896

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189G.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 10.

316

In mancher Beziehung stehen unsere Archi-
tekten über ihren alten Vorgängern. Es wäre
ebenso thöricht, das zu leugnen, wie, den
Fortschritt zu verkennen, den die Technik des
Bauwesens überhaupt nach mancher Richtung
hin gemacht hat. Wenn die modernen Bauten
häufig minder gut, solid und dauerhaft auf-
geführt werden, so liegt das im Allgemeinen
nicht so sehr am Mangel des Könnens, als
an manchen andern Umständen, auf die ein-
zugehen, hier nicht der Ort ist. Allein, was
macht aller Fortschritt, wenn Willkür, Mode,
subjektives Gefallen und Tageslaune den Charakter
eines Baues bestimmen oder vielmehr hindern,
dafs die Erzeugnisse unserer Architektur zugleich
den wohlthuenden Eindruck stilvoller Einheit
und anziehenden Wechsels machen!

Wer die Strafsen unserer grofsen und kleinen
Städte durchpilgert und die Neubauten betrachtet,
welche zahlreich in der letzten Zeit aus dem
Boden aufgeschossen sind, mag wohl in ihnen
den allenthalben sich kundgebenden Fortschritt
der Technik gewahren, aber ein wirkliches Ge-
nügen werden sie ihm nicht bereiten. Wohl
fehlt es nicht an Häusern, die in architektonischer
Beziehung vortrefflich wirken, allein solche
machen im Haufen der übrigen das auf dem
Gebiete des baulichen Schaffens herrschende
Jahrmarktstreiben erst recht bemerkbar. Hier
baut man gothisch, da sog. altdeutsch oder in
italienischer Renaissance; der eine arbeitet im

Barockstil oderRokoko, ein anderer in Schweizer-
hausmanier. Selbst Nachbildungen türkischer,
persischer oder indischer Bauten fehlen nicht,
und es ist zu verwundern, dafs man nicht schon
darauf verfallen ist, amerikanische oder alt-
nordische Blockhäuser zu imitiren. Gar mancher
aber baut sich aus Motiven verschiedener Stile
und Unterstilarten nach persönlichem Ge-
schmack etwas zurecht, das zwar in gewissem
Sinne originell sein mag, wie jedes Durch-
einander, aber gewifs nicht lobenswerth. Doch
wozu solche Bemerkungen ? Wird es anders
werden? Es wäre zu wünschen; ob es jedoch
der Fall sein wird, ist eine andere Sache. In-
zwischen aber ist es gut, das Andenken an die
trefflichen Werke der alten Meister zu be-
wahren, und ist das unter keinen Umständen
durch Erhaltung derselben möglich, dann möge
es doch wenigstens durch Abbildungen der-
selben geschehen.1)

Exaeten. J. Braun S. J.

*) [Es ist ein schwacher Trost, dafs alle Bauwerke
vor ihrer Zerstörung abgebildet werden. Nicht für
die todte Mappe sind sie bestimmt, sondern für die
lebendige Strafse, und wenn wirklich unabweisbare
Gründe den Abbruch erfordern, dann sollte man an
derselben Stelle, oder, falls das unmöglich ist, an
einer benachbarten sie wieder aufbauen mit den un-
bedingt nöthigen Modifikationen, in Bezug auf welche
ein wirklich tüchtiger Baumeister, der stets auch ein
Verehrer der alten Bauwerke ist, schon das richtige
Maafs beobachten wird. I IX II.

Buch

erschau.

Der Ornamenten schätz. Ein Musterbuch stilvoller
Ornamente aus allen Kunstepochen. 100 Tafeln mit
über 1200 meist farbigen Abbildungen und er-
läuterndem Text von H. Dolmetsch, Baurath.
Dritte, bedeutend vermehrte Auflage. '24 Liefe-
rungen mit je 4 bis 5 Tafeln a 1 Mk. Verlag von
Julius Hoffmann in Stuttgart.
Wer das Ornament, den leichtesten, allgemeinsten,
mannigfaltigsten Ausdruck künstlerischen Empfindens
in Bezug auf seine Entwickelung prüfen, wer dasselbe
auf seinem langen Wege durch die einzelnen Länder
und Jahrhunderte, selbst Jahrtausende, im Einzelnen
begleiten will, wer den Beruf oder die Neigung hat,
dasselbe praktisch zu verwerthen, also der Gelehrte,
Künstler, Liebhaber, bedarf vor Allem eine Sammlung
zuverlässiger Abbildungen, und es genügt nicht, dafs
dieselben korrekt gezeichnet sind, sondern in den
meisten Fällen mufs die Farbe dem Linienspiel zu
Hülfe kommen, weil sie erst den ornamentalen Cha-
raktervollendet. Weil diesem stark verbreiteten Bedürf-

nifs das vorliegende Werk in ganz befriedigender Weise
entgegengekommen ist, hat ihm der Erfolg nicht ge-
fehlt, und die dritte Auflage, in der es erscheint, ver-
spricht noch allerlei Ergänzungen und Verbesserungen.
I Die drei Hefte, welche von ihr bereits vorliegen,
bieten egyptische, assyrische, griechische, römische,
chinesische, romanische, gothische, italienische und
deutsche Renaissance- und Empiremotive, und jeder
Tafel entspricht eine auch noch mit Illustrationen ver-
sehene Seile Text, welche die verschiedenen Stilarten
in Kürze zu charakterisiren und die vorgeführten Bei-
spiele zu erläutern hat, sich daher naturgemäfs auf An-
deutungen beschränken mufs. Da die Hauptaufgabe
dieser Sammlung darin besteht, dem Kunsthandwerker,
mit Einschlufs des Dilettanten, eine möglichst grofse
Anzahl guter Vorbilder zu besorgen, so kommt es vor
Allem darauf an, dafs diese aus dem mit Recht am
meisten begehrten deutschen Formenkreise gewählt
werden. Es wäre daher sehr zu wünschen, dafs die
romanischen und gothischen Vorlagen sich nicht blofs
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