Zeitschrift für christliche Kunst — 9.1896

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1896. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST _ Nr. 2.

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Die kirchlichen Baustile im Lichte der allgemeinen Kulturentwickeluno-.

II. Die altchristliche Basilika.

ls das Christenthum in die Welt
eintrat, sah es sich von einer zur
höchsten Vollendung gediehenen
Kultur umgeben. Universaler und
glänzender hatte sich der menschliche Geist
noch nie entfaltet als in der griechisch-römi-
schen Menschheit. Diese Civilisation bot das
Bild allseitiger, folgerichtiger Durchbildung und
imposanter Geschlossenheit. Nicht allein Litte-
ratur und Kunst, ebensosehr auch Recht und
Sitte, Politik und Verwaltung, das gesammte
Staatswesen und der Organismus der Gesell-
schaft zeigen dieselben wohlbekannten Züge.
Mögen wir die Schicksale des Imperiums und
das Genie seiner Staatsmänner studiren oder
uns in die Gedankengänge der Philosophen ver-
tiefen oder der Sprache der Dichter lauschen,
es umfängt uns die gleiche klassische Atmo-
sphäre. Auch die Verschiedenheit der Völker,
welche der eiserne Arm Roms umspannt hielt,
vermochte daran nichts Wesentliches zu ändern;
soweit sie an dem höhern Kulturleben der Zeit
theilnahmen, hat die Gebieterin an der Tiber es
verstanden, sie in den Bannkreis ihrer Weltan-
schauung zu ziehen.

Es war unmöglich, dafs die Kirche sich
gegen diesen übermächtigen Einflufs vollkommen
abgeschlossen hätte; denn sie athmete selbst in
der Luft der Antike, und ihre Gläubigen waren
zugleich auch lebendige Glieder jener Kultur-
ordnung. Noch ein tieferer Grund wirkte dazu
mit. Das klassische Alterthum war die Ver-
wirklichung der Humanität, soweit sie durch
blofs natürliche Kräfte erreichbar war; ohne das
verklärende Licht und die emporhebende Macht
der Offenbarung hätte das rein Menschliche,
alles in allem genommen, sich zu keiner grö-
fseren Entwicklung erheben können. An dieses
mufste auch das Christenthum, als die Voll-
endung der Natur, anknüpfen. Die Apologetik
der Kirchenväter, von Justin dem Märtyrer an,
wird nicht müde, dem gebildeten Heidenthum
den gleichen Gedanken zu predigen, den Ter-
tullian in das schlagende Wort von der anima
naturaliter christiana zusammengefafst hat.

Konnte es gegenüber der Kunst anders sein?
Wenn etwas die unbestreitbare Gröfse, die in-
nere Gediegenheit und die Formvollendung der
Antike verräth, dann ist es ihre Plastik und

Architektur. Als die Kirche anfing, ihre Gottes-
häuser zu bauen, mufste ihre Hand, dem natür-
lichen Zuge folgend, in diesen Schatz greifen.
Auf denselben Konstruktionsprinzipien, wie die
heidnischen Bauten Roms, beruht auch die
christliche Basilika. Ein einfaches, in strengster
Gleichmäfsigkeit zusammengesetztes System tra-
gender Glieder, die Säulenreihen stützen die
schlichten Hallen. In langer, mit starrer Kon-
sequenz sich fortbewegender Linie verbindet der
Architrav die Stützen, oder überspannt sie der
einförmige Rhythmus der Arkaden. Sowohl unter
jener gehäuften Nebeneinanderordnung völlig
gleicher Theile wie in der ausschliefslichen Be-
tonung der Horizontalen verbirgt sich ein echt
römischer Kulturgedanke. Genau nach diesem
Gedanken richtet sich auch der Bau des Rechtes
und Staates, die keine organische Gliederung
des Volkes, kein allmähliches Aufsteigen von
der breiteren Masse zu höheren, gesellschaft-
lichen Ordnungen kennen, sondern nur die
unterschiedlose Menge der Bürger gegenüber
den Trägern der Herrschaft. Und wie die poli-
tische und soziale Weisheit des Römerthums
nicht elastisches Streben und Gegenstreben der
Volkskräfte befördert, sondern alles unter der
Last der Gewalt hält, so wird auch die kon-
struktive Aufgabe der Baukunst nur durch pas-
sives Tragen gelöst, ohne eine Spur von dem
freien Spiel des Druckes und Gegendruckes,
das in der späteren Kirchenbaukunst in steigen-
dem Maafse herrschend wird. Mit jenem Grund-
satze steht in innerem Zusammenhange die dem
antiken Wesen eigenthümliche Neigung, statt
in die Höhe und Tiefe, mehr in die Weite zu
gehen. Das politische Ideal war nicht sowohl
auf intensive Entwicklung als auf Welterobe-
rung gestellt, und das ethische Ideal nicht auf
Läuterung hergebrachter Volkssitte, sondern auf
Ausbreitung der heimischen Art. Im Einklänge
damit erscheinen die Bauten breit hingelagert,
ihre Grofsartigkeit vorwiegend in der horizon-
talen Ausdehnung suchend. Dem nämlichen
Kulturgesetze ist auch die Basilika gefolgt: lang-
gestreckte Hallen, breite, gehäufte Schiffe von
mäfsiger Höhe, abgeschlossen durch flache
Decken, gekrönt durch Dächer von geringer
Steigung.

Auch die wichtigste architektonische Einzel-
heit, die Säule, entlehnten die christlichen Bau-
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