Zeitschrift für christliche Kunst — 9.1896

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ZEITSCHRIFT KÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 9.

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Ueber rheinische Elfenbein- und Beinarbeiten des

(Mit 5 Abbildungen.1

I.

s gibt kaum ein Gebiet der Kunst-
geschichte, welches der exakten
Forschung mehr Schwierigkeiten
bereiten würde und auf welchem
die Ansichten der Forscher mehr

XI. und XII. Jahrh.

daher auch

auseinandergehen, als die Geschichte der Elfen-
bein- und Beinschnitzerei, etwa vom VI. bis
zum XII. Jahrh. Die Hauptschwierigkeiten er-
geben sich daraus, dafs bei der grofsen Mehr-
zahl dieser Arbeiten jeder äufsere, sozusagen
urkundliche Anhaltspunkt für eine auch nur
approximative Datirung, sowie für die Fest-
stellung des Entstehungsortes fehlt. Auch
der noch so beglaubigte Nachweis über das
erste Auftreten eines Elfenbeinschnitzwerkes
an einem bestimmten Ort und zu einer be-
stimmten Zeit, oder auch über das Jahrhunderte
zurückreichende Vorhandensein eines solchen in
einem Kirchenschatz, liefert noch keinen un-
trüglichen Anhaltspunkt zur Bestimmung des
Alters und des Ursprunges solcher Kunstwerke,
da dieselben von jeher wegen ihrer leichten
Transportfähigkeit und gleichzeitigen Kostbar-
keit Gegenstände des Versandtes, sei es als
Geschenke, sei es als Handelswaare, bildeten.
Aus letzterer Verwendung erklärt sich auch
die fabrikmäfsige Massenherstellung von Elfen-
bein waaren und von mit Elfenbeinschnitzerei
geschmückten Gerätschaften, Gefäfsen, Truhen,
Reliquiaren und dergleichen, welche alle nach
einem und demselben Typus, ja derselben
Schablone hergestellt sind und sich noch heute
leicht nach bestimmten Gruppen unterscheiden
lassen. Die Feststellung von solchen Gruppen
bietet der Forschung zunächst auch die sicherste
Handhabe, allmählich Ordnung und (Jebersicht
wenigstens in einen Theil des massenhaft vor-
handenen Materials zu bringen und damit viel-
leicht zugleich auch Anhaltspunkte für die Be-
stimmung des Alters und Ursprunges wenigstens
einiger solcher Gruppen zu gewinnen. Da-
neben bleiben freilich eine grofse Anzahl von
Elfenbeinschnitzereien übrig, welche mehr den
Stempel individuell erdachter und empfundener
Kunstwerke an sich tragen, obwohl auch sie,
soweit es Originalschöpfungen sind, durch ikono-
graphische und stilistische Bande mit der Zeit
und dem Orte ihrer Entstehung verknüpft sein

müssen. Freilich lassen sich diese aber nicht
immer so sicher bestimmen, besonders auch des-
halb, weil auch schon in früheren Zeiten ältere
Vorbilder häufig wieder möglichst getreu nach-
geahmt wurden, selbst vielleicht auf Kosten der
ikonographischen Uebereinstimmung mit den
gleichzeitigen Originalkunstschöpfungen.

Ohne nun hier auf dieses, besonders schwie-
rige Kapitel eingehen zu wollen, begnügen wir
uns diesmal, eine jener Gruppen zu be-
sprechen, welche den Stempel fabr ikmäfsiger
Herstellung für den Handel an sich tragen.
Und zwar gibt uns den Anlafs zu dieser kurzen
Besprechung nicht sowohl die Hoffnung, viel
Neues über die angedeutete Gruppe sagen zu
können, als vielmehr das wissenschaftliche Be-
dürfnifs, einer neuerlich aufgetauchten Aus-
legung derselben entgegenzutreten, welche
unserer Ueberzeugung nach unrichtig ist.

In seinem übrigens hochverdienstlichen und
gründlichen Katalog der Elfenbeinskulpturen
im Louvre gibt Emile Molinier von einem,
durch eine Abbildung veranschaulichten Holz-
kästchen, das mit Beinskulpturen verkleidet ist,
eine Erklärung bezüglich seiner Herkunft, welche
von den bisherigen Anschauungen vollkommen
abweicht, uns aber, trotz ihrer scheinbar ur-
kundlichen Begründung, doch nicht stichhaltig
erscheint.1)

Dieses Kästchen zeigt uns auf jeder Lang-
seite sieben, auf jeder Schmalseite vier ganze,
stehende heilige Figuren in Vorderansicht in
Nischen, welche durch viereckige, Rundarkaden
stützende Pfeiler gebildet sind. Der Deckel
des Kastens fehlt. Sowohl die architektonischen
und ornamentalen Theile, wie die Figuren an
diesem Kästchen zeigen einen starr schematischen,
nach der Schablone durchgeführten Stil, für
welchen als besonders charakteristisch die ab-
solute Unterordnung der Figur unter die archi-
tektonische Eintheilung erscheint, von der die
Haltung und Proportionen der Figuren, sowie
ihre gleichförmige, gewissermafsen ornamentale
Behandlung bedingt sind. Die ausdruckslosen
Köpfe mit grofsen Glotzaugen und eingebohrten
Pupillen sind theils mit rundlichen Mitren,

^Musöe National duLouvre. »Cataloguedeslvoires«
par Emile Molinier, Paris 1896, N. 3G, p. 82.


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