Zeitschrift für christliche Kunst — 9.1896

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1896.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 8.

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Gnadenstrom sich über die Gemeinde ergiefst,
und hier die Kathedra des Bischofs, des hier-
archischen Schlufssteins der kirchlichen Ge-
meindeorganisation, sich erhebt. Im griechischen
Kirchenbau sind beide, Altar und Bischofssitz,
in eine Nebennische gerückt, die baulich vor
den übrigen Nischen nur unbedeutend aus-
gezeichnet ist und jedenfalls in keiner Weise das
Gebäude innerlich beherrscht. Mag dieses auch
im Stil selbst und seinen konstruktiven Not-
wendigkeiten liegen, so erscheint darin doch leise
auch ein idealer Grund verwoben. Die Kirchen
des Ostens erlebten es, dafs Stellung und Ge-

walt des Bischofs je länger je mehr zurück-
traten. Das einen übermächtigen Einflufs ge-
winnende Mönchthum auf der einen Seite, und
auf der anderen Seite das staatliche Eingreifen
in innerkirchliche Dinge, die schon seit dem
V. Jahrh. sich zeigenden Ansätze zur nach-
maligen byzantinischen Fürstenkirche, haben jene
Erscheinung hervorgerufen. Auch an diesem
Punkte haben die Zeitverhältnisse und die dem
Morgenlande von jeher eigentümliche Ver-
mischung von Religiösem und Politischem ihren
Widerschein in der Kunst gefunden. (Forts, folgt.
Bonn. Heinrich Schrörs.

Bücherschau.

Geschichte der christlichen Kunst. Von Franz
Xaver Kraus. Erster Band. Zweite Abtheilnng.
Mit 231 Abbildungen. S. 32t bis 621. Freiburg,
Herder 1896. Preis Mk. 8 (der ganze erste Band
zusammengebunden Mk. 21,—).
Der erfreulich rasch dem ersten nachgefolgte
zweite Halbband fuhrt zunächst die Besprechung der
Basilika zu Ende. Von besonderer Wichtigkeit ist
hier namentlich der genaue Aufschlufs über die noch
nicht lange aus dem Wüstensand gegrabene central-
syrische Baugruppe (S. 345 ff.) mit ihrem wuchtigen
Ernst und ihren merkwürdigen Antecipationen roma-
nischer Motive. Ein eigener Abschnitt ist den Central,
bauten gewidmet, diesem „letzten Wort und dieser
höchsten Leistung altchristlicher Architektur"; sie
werden unbedingt auf die profanen römischen Rotunden
und Polygonalbauten zurückgeleitet. Der weitere Ab-
schnitt über die Inneneinrichtung der Kirchen berührt
sich wieder durchweg mit einer Reihe von Artikeln
der „Kealencyklopädie", jeweils sie bereichernd und
korrigirend.

Der Schwerpunkt des ganzen Halbbandes liegt im
sechsten Buch, welches die Bildercyklen des IV. bis
VI. Jahrh. genetisch behandelt, angefangen von dem
ältesten Cyklus in S. Costanza in Rom, der 1620 einer
Restauration zum Opfer fiel, und dem in den Akten
des Märtyrers Theodot enthaltenen, auf welche der
Verfasser erstmals aufmerksam macht. Die didaktischen
Zwecke dieser Cyklen werden über allen Zweifel ge-
stellt und nachdrücklich betont. Das ikonographische
Verhör, welches mit den pseudoambrosianischen
Distichen, dem Dittochäum des Prudentius (f), der
Homilie des Asterius und den Poesien Paulins von
Nola angestellt wird, ist ein Muster scharfsinniger
Kritik. Auf den überaus gehaltvollen Traktat über
die Mosaikmalerei (399 bis 446), welcher den Werth
einer Monographie hat, können wir nicht weiter ein-
gehen ; schön ist der Nachweis, wie dieselbe zunächst
im IV. Jahrhundert der Verherrlichung des Triumphes
Christi dient, dann im V. Jahrh. ebenfalls die Rolle
der Lehrerin übernimmt (407).

Die Anfänge der christlichen Buchmalerei haben
erst in den letzten Jahren gebührende Beachtung ge-

funden. Der Verfasser gibt S. 451 ff. eine höchst inter-
essante Darlegung des Entwickehmgsganges, welchen
die Illustration der hl. Schrift in den ersten Zeiten
einhielt. Die Resultate der geistvollen Untersuchung
und genauen Besprechung der erhaltenen Denkmäler,
von der Genesishandschrift der Wiener Hofbibliothek
und dem Chronographen von 354 an, sind folgende:
zwischen dem IV. und VII. Jahrh. lassen sich vielerlei
die ganze Schrift oder einzelne Bücher derselben
illustrirende Bilderbibeln unterscheiden, welche je ihren
Einflufs geltend machen: eine römische, eine grie-
chisch-alexandrinische, schliefslich byzantinisirende,
eine syrische und eine barbarische. Nebenbei wird
jedenfalls seit Ende des IV. Jahrh. auf Einzelbildern
und in gemalten Cyklen die Concordantia veteris et
novi testamenti zur Anschauung gebracht; endlich
kommen seit Einführung der Lectio propria und des
Comes um die Mitte des V. Jahrh. Illustrationen zu
den Evangelien und Epistelperikopen des Kirchen-
jahres auf und sie bilden die Wurzelansätze der karo-
lingischen und Ottonischen Buch- und Wandmalerei.
Wir übergehen das detailreiche siebente Buch über
die technischen und Kleinkünste, sowie das
achte über Geräte und liturgische Kleidung,
um noch besonders auf das hochwichtige neunte
Buch aufmerksam zu machen. Dasselbe ist der
byzantinischen Frage gewidmet, näherhin dem
ersten Problem derselben, der Frage nach dem Wesen,
Werth und Entwicklungsgang der oströmischen Kunst.
Das Unheil schwankte bisher zwischen tiefster Ver-
achtung und höchster Verherrlichung; „heute kann man
ruhig sagen, dafs sowohl die einseitigen Verächter,
wie die einseitigen Bewunderer des Byzantinismus mit
dem Bombast ihrer Phrasen nur die eigene Unwissen-
heit verdecken". Es wird zunächst kritisch referirt
über den Standpunkt der bedeutendsten Forscher,
namentlich über Strczygowski's neue Theorie, wonach
von Konstantin an eine byzantinische Kunst erstmals
ihre Schwingen regte, zur Zeit Justinians ihren Höhe-
flug nahm und schliefslich eine Art Weltherrschaft
gewann. Da dieser Forscher seine Thesen auf eine
in Aussicht gestellte Publikation bisher ganz unbe-
kannter byzantinischer Denkmäler gründet, so will der
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