Zeitschrift für christliche Kunst — 9.1896

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1896. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 1.

Weise, einmal die Gebote I bis III (die Pflichten
gegen Gott) und IV bis XII (die Pflichten
gegen den Nächsten) in Zahlen angedeutet
sind. Die nächsten zehn Tafeln geben, augen-
scheinlich um im abschreckenden Sinne zu
wirken, Darstellungen von Gesetzesübertretungen.
Abweichend von der heute in der katholischen
Kirche üblichen Reihenfolge ist das Gebot
„Du sollst nicht stehlen" als sechstes, „Du
sollst nicht ehebrechen" als siebentes darge-
stellt, eine Umordnung, welche in den Dar-
stellungen des Mittelalters und der Renaissance
bis zu Lucas Cranach nicht selten angetroffen
wird. Die Uebertretung der ersten Gebotes ist
durch zwei knieende Figuren versinnbildlicht,
welche ein auf einer Säule stehendes Götzen-
bild anbeten, des zweiten durch zwei einander
gegenüberstehende schwörende Personen. Als
Darstellung der Sabathschändung dient ein
Mann, der mit einer Hacke das Feld bearbeitet;
die Vergehung gegen Vater und Mutter sehen
wir durch Kinder dargestellt, die ihre beiden
Eltern in sehr drastischer Weise mifshandeln.
Das fünfte Gebot wird uns in einem Streit
zweier Männer vorgeführt, von welchen der
Eine mit einem Schwert bewaffnet ist, das
sechste durch die Darstellung eines Diebstahls:

ein Taschendieb entwendet einer vor ihm sitzen-
den Person ein Geldstück. An das Gebot der
Keuschheit erinnert in sehr decenter Weise
das Bild zweier Personen, welche in einem
Bette nebeneinander liegen, dessen Vorhang
zurückgeschlagen ist. Die Sünde des falschen
Zeugnisses wird durch eine Gerichtsverhandlung
illustrirt: Der Richter sitzt auf dem Stuhle mit
erhobenem Stab, vor ihm befinden sich drei
Personen, wohl die beiden Parteien, und der
falsche Zeuge. Dem neunten und zehnten Ge-
bot: du sollst nicht begehren etc. entsprechen
die beiden letzten Darstellungen: auf dem einen
sehen wir eine Frau, welche ihren Liebhaber
in einem Korb an der Wand des Hauses em-
porzieht, auf dem letzten einen hinter einem
Tisch sitzenden Mann, welcher einen vor ihm
stehenden zum Betrug zu verleiten scheint.
Das letzte Feld nimmt, entsprechend dem Moses
im ersten Felde, eine stehende Figur mit einem
Schriftband ein, in welcher man wohl den Ver-
fasser der Proverbia zu erkennen hat. Die Poly-
chromie dieser zwölf Bilder ist folgende: hell-
grüner Grund, fleischfarbene Gesichter und Hände,
rothe, grüne, braune und blaue Gewänder. Die
Schrift hebt sich von einem rothen Grunde ab.

Frankfurt a. M. F. Luthmer.

Die kirchlichen Baustile im Lichte

I. Kultur und Kunst,
ie allgemeine Geschichte hat ihre
Epochen und die Kunstgeschichte
ihre Stilperioden. Hier wie dort
sind es die gleichen Gesetze, unter
denen diese Erscheinung steht, sind es ver-
wandte Vorgänge, die eine Zeitrichtung be-
gründen und beherrschen. Leitende Gedanken
neuer Art dämmern im Geiste der Menschheit
auf; andere Ziele leuchten am Horizont des
Völkerlebens; zu ihrem Dienste entfalten sich
frische Kräfte; veränderte gesellschaftliche Ord-
nungen ringen sich aus dem Alten empor. Das
alles schliefst sich zu einer grofsen Einheit zu-
sammen und gebietet für einige Jahrhunderte
über die Welt mit der Macht des Selbstver-
ständlichen, um dann sich allmählich aufzulösen
und einem abermaligen Wechsel Platz zu machen.
Die Geschichte ist über eine Entwickelungsstufe
dahin geschritten und schickt sich an, eine

der allo-emeinen Kulturentwickelungf.

weitere zu besteigen. Die Kunst unterliegt ähn-
lichen Wandlungen. Moderne Ideale der Schön-
heit lösen die altvaterisch gewordenen ab; junges
Empfinden durchzuckt Gemüth und Hand des
Künstlers; die abgelebten Formen zerfallen, und
neue entspringen der wieder zu schöpferischer
Kraft aufgewachten Phantasie und der fortschrei-
tenden Technik; ungewohnte, grofse Aufgaben
wirken befruchtend und beleben das schlum-
mernde Genie; bisher fremde Gebiete er-
schliefsen sich und öffnen der Kunst unge-
ahnte Bahnen. Eine neue Kunstrichtung ist
entstanden, ein neuer Stil geboren, strahlend
nimmt ein neues Zeitalter der Schönheit die
Geister gefangen.

Die Grenzen der kunsthistorischen und der
weltgeschichtlichen Zeitabschnitte decken sich
nicht überall ganz genau. Oft genug beginnt
die für eine Epoche der allgemeinen Geschichte
charakteristische Kunst erst lange nach dem An-
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