Zeitschrift für christliche Kunst — 9.1896

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1SUG. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 3.

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Die kirchlichen Baustile im Lichte

III. Der altchristliche Centralbau.

eben der Basilika erscheint in der
kirchlichen Kunst des Alterthums
der Centralbau. Wie jene so wurzelt
auch er in der heidnischen Archi-
tektur Roms; der centrale Grundrifs, der Pfeiler-
bau, die Wölbung und Kuppelbildung finden
sich bereits in den Thermen und Palästen der
Kaiserzeit. Aber trotz des gleichen Ursprunges
sind es verschiedene Stile von durchaus selbst-
ständiger Bedeutung. Von der Basilika weicht
der Centralbau in seiner ganzen Anlage ab, in
seinen konstruktiven Gedanken, der Bildung
der tragenden Glieder, der Ueberdeckung des
Raumes und der idealen Wirkung. Eine voll-
kommen andere Welt künstlerischer Vorstel-
lungen und Empfindungen umgibt uns unter
der in goldenes Licht getauchten, leicht und
zugleich mächtig sich wölbenden Kuppel; um-
geben von der ruhigen Geschlossenheit dieser
Innenräume fühlt sich die Seele von einer ganz
anderen ästhetischen Stimmung erfafst als in
den ernsten Schiffen der Basilika mit ihrer
kraftvollen Bewegung.

Diese beiden architektonischen Grundformen
folgen innerhalb der antikchristlichen Epoche
nicht aufeinander, sondern bestehen nebenein-
ander. Wenn auch der Centralbau in seiner
grofsartigen Ausgestaltung und der vollen Reife
seiner Schönheit etwas später hervortritt, so
hat er doch die Zeit seines Glanzes mit dem
basilikalen Stile theilen müssen. Auch örtlich
sind die zwei Bauformen nicht ganz getrennt:
in den Städten Italiens so gut wie in der neuen
Roma an den Ufern des Bosporus ragten Kuppel-
bauten neben den Hallen der Basiliken auf.
Allerdings last sich nicht verkennen, dafs die
östliche Hälfte des Reiches und jene Gebiete
des Westens, wo oströmischer Einflufs vorwiegt,
in steigendem Maafse den Rundbau bevorzugen,
wenigstens was die eigentlichen Prachtbauten
angeht, in denen ja immer der künstlerische
Geist einer Zeit und eines Volkes sich am
klarsten ausprägt. Aber bestehen bleibt die
geschichtliche Thatsache, dafs der basilikale und
der centrale Baustil gleichzeitig blühen, und
diese Thatsache ist sehr bemerkenswert?). Zu
keiner Zeit mehr, wenn man von dem bau-
künstlerischen Wirrwarr der Gegenwart absieht,
trat die gleiche Erscheinung zu Tage, vielmehr

der allgemeinen Kulturentwickelung.

hatte jede Epoche einen ihr eigenthümlichen
Stil und keinen andern. Wenn es in der alt-
christlichen Periode nicht so war, so ist das
ein deutlicher Beweis dafür, dafs sie noch von
einer zweiten Kulturströmung durchzogen war,
die eben im Centralbau ihren architektonischen
Ausdruck suchte und fand. Und woher diese
Strömung kam und was sie im Innern barg,
verräth die andere oben erwähnte Thatsache,
dafs die dem oströmischen Szepter gehorchenden
Länder vorzugsweise jenem Stile geneigt waren.

Noch bevor die Kaiserresidenz und damit der
Schwerpunkt der Verwaltung und des geistigen
Lebens nach Byzanz verlegt waren, hatte die
griechisch-römische Welt orientalische Einflüsse
in immer stärkeren Grade erfahren. Nicht ein-
mal Italien hatte sich der berückenden Macht,
die von der uralten Kultur Asiens ausging, ent-
ziehen können. Wie in der ganzen Geistes-
bildung der Kaiserzeit, so zeigen sich auch in
ihrer Kunst die starken Spuren davon. Der
Gewölbebau und die Kuppel waren ein Er-
zeugnifs der künstlerischen Schöpfungskraft des
Orientes. Ungleich tiefer und umfassender mufste
das Orientalische im Osten eindringen, wo
römisches Wesen sich nur unter den dräuenden
Flügeln der kaiserlichen Adler den Völkern
hatte aufnöthigen können. Namentlich seitdem
unter des grofsen Theodosius Nachfolgern der
Zusammenhang zwischen den beiden Reichs-
hälften anfing lockerer zu werden, mischten
sich morgenländische Bestandtheile unverhüllt
und mit jener Kraft ein, die der unmittelbaren
Berührung entspringt. Die gröfsere Masse jener
Länder, über die Byzanz gebot, gehörte ja nicht
zu Europa, und die Hauptstadt selbst lag im
Angesichte Kleinasiens. Unter der befreienden
Einwirkung der orientalischen Civilisation er-
wachte auch wieder der Geist der griechischen
Kultur zu selbständiger Bethätigung gegenüber
der römischen. Das schliefsliche Ergebnifs dieser
Mischung und Wandlung, die vieles von dem
verschlang, was einst den Stolz der klassischen
Menschheit ausgemacht hatte, war die Kultur
des byzantinischen Mittelalters, und ihr entsprach
die seit dem VII. Jahrh. aufblühende byzanti-
nische Kunst.

Jedoch nicht von dieser späten Kunst, die,
soweit die Architektur in Betracht kommt, von
keiner bedeutsamen Einwirkung auf das Abend-
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