Zeitschrift für christliche Kunst — 9.1896

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1896.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 3.

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land gewesen ist, soll hier die Rede sein, sondern
von dem altchristlichen Centralbau, von den
Werken des IV., V. und VI. Jahrh. Es handelt
sich um jenen Stil, der noch durchaus der an-
tiken Kulturperiode angehört, seinen Höhe-
punkt unter der glänzenden Regierung Justinians
des Grofsen erreicht und sein gewaltigstes Wort
in der Hagia Sophia gesprochen hat. Wie er
nach der einen Seite hin sich bestimmt von
der eigentlichen byzantinischen Baukunst unter-
scheidet, so steht er andrerseits in innigster Be-
ziehung zu dem besondern Geiste seiner Zeit.

In diesen Jahrhunderten, den drei letzten
des altchristlichen Zeitalters, ist die Durchdrin-
gung der römischen Kulturzustände mit orien-
talischen und griechischen Elementen, letztere
vornehmlich auf kirchlichem und theologischem
Gebiete wirksam, in vollem Gange, ohne jedoch
eine auflösendeGährung herbeizuführen. Vielmehr
ist unter diesen lebenweckenden Anregungen
ein Neues hervorgewachsen, das ein Zwischen-
glied von unabhängigem Werthe zwischen dem
römischen Wesen in christlicher Auffassung,
wie es sein künstlerisches Abbild in der Basilika
gefunden hat, und der nachmaligen byzanti-
nischen Welt darstellt. Gewisse Züge der christ-
lich-römischen Eigenart sind darin unverfälscht
erhalten geblieben; sie bilden die Grundlage
des Neuen. In andern Stücken haben sie eine
Verquickung und Ueberwucherung durch die
Einwirkungen von Osten erfahren, ohne jedoch
den gemischten Charakter vollständig zu ver-
lieren. Auf manchen Punkten ist aber auch ein
wirkungsvoller Gegensatz zwischen dem Geiste
des christlichen Alt- und des christlichen Neu-
rom herausgereift. Nach allen diesen drei
Richtungen hin wird eine ästhetische und kultur-
geschichtliche Betrachtung an den Schöpfungen
des centralen Stiles die entsprechenden Eigen-
thümlichkeiten in das Architektonische und
Monumentale übersetzt wiederfinden.

Die christlich-römische Eigenart stellte mit
grofsem Nachdrucke an der Religion das Mo-
ment der Innerlichkeit in den Vordergrund und
legte damit Protest ein gegen die gänzliche
Veräufserlichung der Religion, die in Opfer-
und Götterfeste aufging, aber für das Wesen
der Antike so bezeichnend ist. In ihrem eigenen
Kultus mied sie alles, was an den weltfreudigen
Charakter des heidnischen Tempeldienstes er-
innern konnte. Darum hatte sie an ihrem
Gotteshause den Aufsenbau vernachlässigt und

den Schmuck für das Innere aufgespart. Bei
den Rundbauten ist es ebenso, ja bei diesen
drängt sich der Unterschied in der künstlerischen
Behandlung des äufsern und innern Bauwerkes
noch charakteristischer auf als bei der Basilika,
denn die centrale Grundrifsgestaltung, die noth-
wendige Gruppirung der aufragenden Theile um
einen beherrschenden Mittelpunkt, die mächtig
sich erhebende Kuppel hätten von selbst zu einer
konstruktiven Durchbildung auch des Aeufseren
führen müssen, und wären in hohem Grade ge-
eignet gewesen, demselben architektonisches
Leben zu verleihen, rhythmischen Flufs hinein-
zubringen und die Umrifslinien in malerischem
Wechsel zu leiten. Statt dessen bietet sich der
Bau für gewöhnlich den Blicken als starre
Masse dar, deren stumpfe Formen und rohes
Material grell abstechen von der feinsinnigen
Ausschmückung und dem verschwenderischen
Glänze, die über das Innere ausgegossen sind.
Selbst die Kuppel, die Wonne für jedes künst-
lerisch empfindende Auge, ist oft unter einem
nichtssagenden, flachen Zeltdache versteckt. Es
ist, als ob die Baumeister in scheuem Hin-
blick auf die heidnische Art sich gefürchtet
hätten, ihre religiösen Gedanken der Aufsen-
welt preiszugeben. Indefs mit der fortschrei-
tenden Christianisirung des antiken Wesens be-
ginnt die Zurückhaltung allmählich zu schwinden,
und in der Sophienkirche zu Konstantinopel
ringt sich bereits die reiche Gestaltung des
Innern kräftig zu den äufsern Formen durch.
Die mit königlicher Ruhe emporsteigende Haupt-
kuppel, die in sanftem Flusse niederwärts sich
anschmiegenden Nebenkuppeln, die massig her-
austretenden Pfeilerbauten der Seitenschiffe lassen
die Anordnung des Ganzen und seine Kon-
struktion vorausahnen. Inmitten der neuen
Kaiserstadt, der Konstantin und seine Nach-
folger mit berechneter Absichtlichkeit die Merk-
male einer christlichen Metropole aufgedrückt
hatten, brauchte eben die Kirche ihren Gegen-
satz und ihre Abneigung vor dem Geiste des
heidnischen Kultus nicht mehr zu betonen.

Auch in einem andern Stücke wich man
bereits von den Ueberlieferungen der römischen
Bauweise ab. Während nämlich die Basilika
durch den ihr vorgelagerten weiten und rings-
um geschlossenen Vorhof von der umgebenden
Welt geschieden war, scheint ein solches Atrium
bei den Gebäuden von centraler Anlage nur
als Ausnahme und wohl mehr aus blofser An-
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