Zeitschrift für christliche Kunst — 9.1896

Page: 169-170
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1896. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 6.

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Die kirchlichen Baustile im Lichte der allgemeinen Kulturentwickelung.

V. Der gothische Dom.
n ihrer ganzen langen Geschichte
hat die Kirchenbaukunst nur zwei
originale Stile hervorgebracht, den
basilikalen des christlichen Alter-
tliums und den gothischen der Blütezeit des
Mittelalters. Ja, wenn man den Begriff der
Originalität in strengster Fassung nimmt, kann
blos die Gothik den Anspruch erheben, ein
vollkommen eigenwüchsiges Erzeugnifs ihrer
Zeit zu sein. Denn die römische Basilika ver-
dankt sowohl manche Einzelheiten, wie die
Säule, als auch ihren Grundplan der heidnischen
Architektur. Indefs als Ganzes betrachtet ist
sie immerhin der echte Sprofs der alten Kirche,
deren Wesen in ihren Zügen mit ursprünglicher
Reinheit glänzt, während die romanische Kunst,
und ebenso die Renaissance nebst den sich an-
schliefsenden Formen, Stile zweiter Hand sind,
Adoptivkinder aus einer früheren Epoche, wenn
auch eigenartig erzogene.

So stellen die Basilika und der gothische
Dom die ragenden, von dem vollen Morgen-
lichte eines neuen Tages bestrahlten Höhen der
kirchlichen Architektur dar. Aber welch' eine
Kluft zwischen beiden! Es kann keine vollende-
teren Gegensätze geben. Hier erscheint die
architektonische Kraft ausschliefslich auf das
Innere des Bauwerkes gewandt, in schlichter
Gröfse es künstlerisch gestaltend; dort bricht
sie in quellender Fülle nach aufsen hervor und
ergiefst sich in unzählige, anspruchsvolle Einzel-
gebilde. Hier die ruhige und majestätische Weit-
räumigkeit; dort der energische und in's Riesen-
hafte strebende Aufschwung zu enger Höhen-
entwickelung. Bei der einen die einfache
Lagerung der Bautheile nebeneinander; bei der
andern die straffe Organisirung der Glieder zur
Einheit. Bei der Basilika das ausgeprägte Bild
der turmlosen Halle; beim gothischen Dom das
mächtige, die höchste konstruktive Anstrengung
und den gröfsten ornamentalen Reichthum ver-
körpernde Thurmpaar, das künstlerisch den ge-
sammten Bau beherrscht.

Dieser nach allen Seiten ausgreifende Unter-
schied beweist uns, wenn wir es auch aus dem
zeitlichen Zusammentreffen nicht wüfsten, dafs
die Gothik das kühn sich wölbende Eingangs-
thor einer ganz neuen Kulturperiode ist; und
das nicht allein, sondern auch, dafs diese neue

Kultur das vollkommensteWiderspiel zur klassi-
schen bildet. Niemals hatte bis zum XII. und
XIII. Jahrh. die innere Entwickelung in christ-
licher Zeit eine so scharfe Wendung genommen,
die freilich durch den vorherliegenden Abschnitt
des Mittelalters angebahnt und vorbereitet war.

Zwei Mächte sind es gewesen, die diesen
folgenschweren Umschwung herbeiführten, je
von einer andern Richtung her. Die eine Macht
war die wirtschaftliche und die nothwendig in
ihrem Gefolge einherschreitende soziale Um-
wälzung, die andere wird durch das eine Wort
Scholastik bezeichnet. Jene erzeugte eine neue
materielle und politische, diese eine neue geistige
und kirchliche Kultur. Beide in ihrer Verbin-
dung und innigen Durchdringung machen den
Geist aus, der die zweite Hälfte des Mittel-
alters erfüllt und mit feierlichen Akkorden aus
den gothischen Kathedralen uns entgegentönt.

War bis zum XII. Jahrh. das ganze wirth-
schaftliche Leben rein agrarisch, im Landbau
und den damit zusammenhängenden Beschäfti-
gungen sich abspielend, so brachten mannig-
fache Ursachen, unter denen die Uebervölkerung
und die überall hin ihre Wellen werfenden
Kreuzzüge nicht die geringsten waren, Bewe-
gung in diese starren, durch die Macht der
Jahrhunderte gefestigten Verhältnisse. Es stand
neben der Bodenbewirthschaftung ein selbst-
ständiges Handwerk auf, das sich aus den
Fesseln der bäuerlichen Hofverfassung losrang
und nicht mehr blos für den täglichen Bedarf,
sondern für den Markt arbeitete. Der so hervor-
gerufene Gewerbefleifs aber weckte den Handel
und flöfste ihm weit ausschauendeUnternehmungs-
lust ein, welcher dann durch die Kreuzfahrten
die Mittelmeerländer und die ferne Welt des
Orientes eröffnet wurden. An die Stelle der alten
Naturalwirthschaft trat, durch diese neuen Ver-
hältnisse gefordert, langsam die Geldwirthschaft.
Die emporstrebenden Handwerker und die be-
rechnenden Kaufleute aber strömten in die
Städte, deren nunmehr aufsteigende Ringmauern
die wirtschaftlich Verbündeten schützend auf-
nahmen. Jetzt beginnen die Blüthe, der Reich-
thum und die gewaltige Bedeutung der Städte.
Ein neuer Faktor war damit dem nationalen
Leben eingefügt, und dieser Faktor bewirkte
von Grund aus eine Umgestaltung der gesell-
schaftlichen Ordnung. Der Bürgerstand erhob
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