Zeitschrift für christliche Kunst — 9.1896

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1896. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 1.

Die Darstellung der zehn Gebote in der St. Peterskirche zu Frankfurt a. M.

Mit Abbildung.

überragt, halten die Wappenschilder von Neuen-
hayn und Reiffenberg. Ein schöner Maafswerk-
Baldachin aus fünf Spitzbogen schliefst oben
die ganze Breite des Steines ab. Eine latei-
nische Minuskel-Inschrift auf dem Rande gibt
die Namen und das Todesjahr der Frau, 1439
an; dasjenige des Ritters ist nicht ausgefüllt.
Beide Epitaphien sind im untern Theil, soweit
sie durch eine Holztäfelung geschützt waren,
bewunderungswürdig erhalten und weisen die
alte Polychromie in voller Frische auf.

Beruht der Werth dieser beiden Skulpturen
hauptsächlich in ihrer hochkünstlerischen Aus-
führung, so darf ein dritter Grabstein nebst
einer sich daran schliefsenden bildlichen Dar-
stellung der zehn Gebote auch noch ein weiteres
kulturgeschichtliches Interesse beanspruchen.
Bemerkenswerth ist, dafs dieses hier abge-
bildete Epitaph aus Lersner's Chronik und der
Faber'schen typographischen, politischen und
historischen Beschreibung der Reichs-, Wahl-
und Handelsstatt Frankfurt am Mayn (1788)
bekannt war und nach den Angaben dieser
beiden Quellen von Herrn Wolff gesucht und
genau an der angegebenen Stelle „an der Kanzel"
unter dem mittleren Fenster der Südwand der
Kirche unter dem Putz und der durch hoch-
kantig gestellte Ziegel ausgeführten Vermaue-
rung gefunden worden ist. Dank dieser Ein-
mauerung im Anfang dieses Jahrhunderts sind
die Skulpturen bis auf zwei kleine, durch eine
Gasrohranlage herbeigeführte Verletzungen völlig
intakt erhalten und ebenso die Polychromie
von wunderbarer Frische.

Johannes Lupi, gestorben 1468, dem der
Stein gewidmet ist, war der erste Pfarrer der
Peterskirche und ein seiner Zeit berühmter
Theologe, der seinen Ruf als Kinderlehrer be-
sonders seinem in Marienthal im Rheingau ge-
druckten Kinderbeichtspiegel: »vor die an-
hebenden Kynder und ander zu bichten in der
ersten Bicht« verdankte, wie wir denn in seiner
Grabschrift den Titel „doctor decem preceptorutn
dei" finden. Um dieser, seinen Zeitgenossen
wohl besonders bemerkenswerthen Eigenschaft
gerecht zu werden und zugleich zu Nutz und
Frommen der des Lesens unkundigen Kirchen-
besucher sehen wir neben seinem Grabstein
eine plastisch - bildliche Darstellung der zehn

er in den letzten Monaten v. J. er-
folgte Abbruch der alten St. Peters-
kirche zu Frankfurt a. M., eines
I architektonisch wenig bedeutenden
Werkes, hat mehrere interessante Skulpturen
vom Ausgang des Mittelalters zu Tage gefördert,
welche gegenwärtig in dem städtischen histo-
rischen Museum zu Frankfurt Aufstellung ge-
funden haben. Die Auffindung und Erhaltung
dieser merkwürdigen Reste ist im Wesentlichen
der Sorgfalt zu verdanken, mit welcher der
städtische Bauinspektor, Herr Regierungsbau-
meister C. Wolff die Abbruchsarbeiten über-
wachte; die von dem genannten Herrn für den
2. Band des Werkes: »Die Baudenkmäler zu
Frankfurt a. M.« gemachten Aufzeichnungen,
welche mir gütigst zur Verfügung gestellt
wurden, sind der folgenden kurzen Beschrei-
bung zu Grunde gelegt worden. Eine An-
zahl der aufgefundenen Skulpturen sind Grab-
steine von Gliedern bekannter Adelsgeschlechter
aus Frankfurt und seiner näheren Umgebung.
Von besonderem Kunstwerth und bemerkens-
werth durch ihre vorzügliche Erhaltung sind
die nebeneinander angeordneten Epitaphien des
Ritters Cuno von Neuenhayn und seines Sohnes
Johann. Der erstere, 1409 verstorben, steht in
voller Rüstung auf einem Löwen unter einem
geschweiften Wimperg mit Krabben und Kreuz-
blume; in Kniehöhe sind rechts und links die
beiden mit Helmen besetzten Wappen von
Neuenhayn und Reiffenberg angebracht, ein
kleiner Hund füllt die Lücke zur Linken des
Löwen aus. Eine Inschrift in schönen spät-
gothischen Minuskeln schmückt den Rand des
Steines. Das zweite Epitaph enthält in seinem
unteren Theil die knieenden Gestalten des
Stifters der sogenannten Reiffenberg-Kapelle, in
welcher die Steine gefunden wurden, des Ritters
Johann von Neuenhayn, genannt von Reiffen-
berg, und seiner Frau Alheit von Bonstehe.
Schriftbänder mit der Anrufung Jesus und Ma-
rias schwingen sich aufwärts bis zu der in der
Mondsichel ruhenden Halbfigur der Himmels-
königin mit dem (leider zerstörten) Jesusknaben,
über deren Haupt zwei Engel eine wundervoll
ausgearbeitete Krone halten. Zwei weitere
Engel, unmittelbar über den Köpfen der Knieen-
den angebracht und von gothischen Baldachinen


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