Zeitschrift für christliche Kunst — 9.1896

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189«. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 4.

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Die durch später etwas roh erneuerte Charnire
verbundenen Doppelflügel sind in derselben
Weise an die Rückwand befestigt, so dafs sie
seitwärts wie nach vorn die Laube zu schliefsen
vermögen. Diese wird in vortrefflicher Weise
ausgefüllt durch eine schlanke, wunderschön
bewegte Madonnenstatuette, die ein in sehr
fein abgewogenem, sehr tief geschnittenem Ge-
fält drapirtes Gewand trägt und einen ähnlich
behandelten Schleier, aus dessen Tiefe der lieb-
lich-ernste Kopf wirkungsvoll herauskommt,
von einer Krone bedeckt, die von einem aus
einer Wolke des Hintergrundes hervortretenden
Engelsbüstchen gehalten wird. Das sehr har-
monisch gestaltete, noch ganz mit der Tunika
bekleidete Kind, dessen Lockenköpfchen einen
etwas grinsenden Zug hat, hält mit der Linken
ein Aepfelchen, indefs die Rechte segnet, und
während die linke Hand der Gottesmutter, die
es trägt, noch leidlich geformt ist, erscheint
die rechte, die früher vielleicht ein Szepter
oder eine Blume gehalten hat, höchst unförm-
lich, obwohl an ihrer Ursprünglichkeit kein
Zweifel besteht. Die Relieffigürchen, welche in
voller Eingliederung in die überaus zierlich
durchgeführte Architektur die Innenseiten der
nach Aufsen glatten Flügel schmücken, stellen
die bekannten Begebnisse aus dem Leben der
jungen Gottesmutter dar, in der oberen Reihe
die Verkündigung und Begegnung mit Elisa-
beth, sowie die Geburt, unten die Anbetung
der drei Könige und die Darstellung im Tempel.
Beachtung verdient nicht nur die durch die
Architektur geforderte statuarische Art der Be-
handlung, sondern auch die auf denselben Grund
zurückzuführende Eigenthümlichkeit, dafs bei
der Verkündigung nur ein Engelsbüstchen mit
Spruchband erscheint, bei der Geburt der
sitzende hl. Joseph das von der liegenden Jung-
frau angebetete und begrüfste Kind hält, dafs
die Könige ihre Huldigung direkt an die grofse
Mittelstatue richten und der greise Simeon durch
die Bewegung der verhüllten Hände seine Stelle
in der Gruppe ganz verständlich ausfüllt. Auf
diese Weise erscheinen diese Reliefs, trotz der
schmalen Stellen, in welche sie komponirt sind,
klar und abgerundet in sich, dennoch zur
Mittel- und Hauptfigur in die richtigen Be-
ziehungen gebracht, wie der Idee, so der plasti-
schen Gestaltung nach, und es dürfte kaum
möglich sein, harmonischer die Aufgabe zu lösen,
welche hier durch die alles beherrschende

Architektur sehr erschwert wurde. Erleichtert
wurde diese Lösung ja wesentlich durch den
Umstand, dafs solche Aufgaben in der Glanz-
zeit der gothischen Plastik den Bildschnitzern
massenhaft gestellt wurden, zumal in Frank-
reich, der Heimath dieses herrlichen Klappaltär-
chens, wo gerade um die Mitte des XIV. Jahrh.
die Elfenbeinplastik ihre gröfsten Triumphe
feierte. Ueberaus fruchtbar, deswegen in ge-
wissem Sinne ganz fabrikmäfsig, ist dort auf
diesem Gebiete der Betrieb vom Ausgang des
XIII. Jahrh. bis tief in das XV. Jahrh. gewesen,
und überallhin haben schon damals diese Ge-
bilde als Devotionalien ihren Weg gefunden,
so auch der gothischen Skulptur mitverholfen
zu dem schnellen Siege, den sie in allen da-
mals von Frankreich beeinflufsten Kulturländern
errungen hat. Die meisten Elfenbeinfiguren und
-Tafeln aus dieser Zeit zeigen noch Spuren
von Farben, manche sogar einen erheblichen
Farbenauftrag, und die Vorliebe des Mittel-
alters für koloristische Behandlung erklärt leicht
diese Thatsache. In der Regel beschränkt sich
die Bemalung auf die Vergoldung der Haare,
Säume, Attribute, die Markirung von Augen
und Mund, die Abtönung der Futterumschläge,
zuweilen sind aber auch die meisten Gewänder
gefärbt mit etwas stumpfen oder Lasurtönen
und auch in der Elfenbeinabtheilung des Louvre,
in welcher gerade diese reizvollen Gebilde der
französischen Frühgothik glänzend vertreten
sind, fehlt es nicht an solchen Mustern. An
dem vorliegenden Altärchen ist die Farbe
ziemlich spärlich zur Anwendung gelangt, ganz
im Einklänge mit der überaus feinen Faserung
und lichten Naturfarbe des Materials. Das
Futter ist mattblau getönt mit Ausnahme des
Schleiers, dessen Inneres röthliche Färbung
zeigt, wie ein Paar Strümpfe, einige Gürtel und
Bücher. Die übrigen Beigaben sind vergoldet,
wie die Haare und Säume, und die breite goldene
Borte, welche das Obergewand der Hauptfigur
abschliefst, ist mit einem zart aufgetragenen röth-
lichen Rankenornament versehen. In der Archi-
tektur sind die Kehlen blau, die übrigen Profil-
chen roth, die Kapitale und Rosetten mit Gold
behandelt und durch diese diskrete Vertheilung
ist auch die koloristische Wirkung des Ganzen
eine so harmonische, wie vornehme.

Diese für die Privatandacht im Hause und
auf Reise bestimmten Altärchen sind fast ganz
aufser Gebrauch gekommen, und nicht leicht
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