Zeitschrift für christliche Kunst — 9.1896

Page: 149-150
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18<Jli. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 5.

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treten. Aufser diesem Portale findet sich noch
ein zweites an der Kirche und zwar im Mittel-
joche. Seine Formen sind entschieden früher als
die des oben beschriebenen Portales, so dafs der
Schlufs nahe liegt, dieses Portal sei gleichzeitig
mit dem Chorjoche, und bei der erfolgten Erweite-
rung nach Westen hin habe man dieses Schmuck-
stück nicht entfernen wollen, obgleich zwei Por-
tale nebst dem Eingange durch den Thurm reich-
lich viel sind für ein so kleines Kirchlein.

Der Thurm ist ein derber, schmuckloser
Geselle aus ungefügem Bruchsteinmauerwerk
erbaut, jedoch in seinen Verhältnissen gut ge-
rathen. Sein Untergeschofs, das einen Eingang
vom Kirchhofe her enthält, öffnet sich mit einer
die ganze Wandstarke ohne Gliederung durch-
schneidenden rundbogig gedeckten Durchbre-
chung zur Kirche hin. In der Glockenstube,
die sich nach drei Seiten hin mit einfachen
rundbogigen Schallfenstern öffnet, hängen zwei
Glocken. In der Ostseite der Glockenstube
sieht man ein viertes, zugemauertes Fenster,
welches mit den drei andern genau korrespon-
dirt. Es befindet sich heute innerhalb des
Dachbodens der Kirche. Aus diesem Umstände
könnte man nun den Schluss ziehen, dass der
Thurm älter sei, als die anschliessenden Bau-
theile, indessen liegt eine weit ungezwungenere
und wahrscheinlichere Lösung in der Annahme,
dafs das Dach, welches im Mittelalter den Bau
deckte, eine sehr flache Neigung hatte (etwas
weniger, als 45n). Das heutige Dach ist, nachdem
es sammt dem Thurmhelme durch einen Orkan
herabgeworfen war, neu errichtet unter Ver-
wendung der ganz und brauchbar gebliebenen
Hölzer. Nach dieser Voraussetzung kommt
auch der Thurm in ein richtiges Verhältnifs
zur Kirche. Grofse Wahrscheinlichkeit bekommt
diese Annahme auch noch durch den Umstand,
dafs das Chörquadrat des Domes zu Osnabrück,
welcher in mancher Hinsicht das Vorbild
gewesen zu sein scheint, ein ähnliches, ziemlich
flach gehaltenes Dach besitzt, das allem An-
scheine nach in seinen wesentlichen Theilen
noch auf das Mittelalter zurückgeführt werden
mufs. Der Thurmhelm ist äufserst solid uud
kräftig nach 1705 wieder aufgebaut mit gänzlich
neuem Holze und wahrscheinlich auch in seiner
alten Form. Die Form des Helmes — den
Abbildungen (Fig. 1 u. 2) gemäfs, eine übereck
gestellte, achtseitige Pyramide — weist entschie-

den auf ein mittelalterliches Vorbild hin. Auch
hier bringen, wie in den andern Batttheilen die
guten Verhältnisse eine gute Wirkung hervor
trotz oder vielmehr wegen der grofsen Einfach-
heit. Das Mauerwerk wird von einen aus-
gesprochen gothischen Gesims abgedeckt, und
ein ebensolches theilt die Westseite des Thurmes
in zwei Geschosse.

Von den Ausstattungsgegenständen der
Kirche ist vor allem zu erwähnen ein herrlicher
alter Taufstein, den Mithoff (»Kunstdenkmale
und Alterthümer im Hannoverschen VI.« Han-
nover 1879) als gleichzeitig mit der Kirche an-
setzt. Auf reichgegliederter Basis erhebt sich das
konisch gebildete Becken, dessen Mantelfläche
mit überreichem Skulpturwerk ausgestattet ist.
Der Mantel ist eingetheilt in acht Nischen, deren
zwei durch Fortlassung der betreffenden Stütze
zu einem breiteren Felde vereinigt sind. Die
Kleebögen, welche die einzelnen Nischen decken,
werden aufgenommen von schön gegliederten
Säulenbündeln, welche Knollenkapitäle und sehr
flache Basen zeigen mit Eckblättern. Die Kehlen
der Bögen sind mit feingezeichnetem Weinlaub
geziert. Über ihnen läuft ein reich skulptirter
Fries von tiefunterschnittenem Laubwerk, durch
welches sich allerhand abenteuerliches Gethier
schlängelt. Die Nischen enthalten: Die Ver-
kündigung in zwei Theilen, die Taufe Christi
in der erwähnten Doppelnische, ferner einen
hl. Bischof, wohl der hl. üionysius, Patron der
Kirche, sodann eine Fürstin im Gewände des
frühesten XIII. Jahrh. Diese Darstellung hängt
vielleicht zusammen mit der Sage, welche
den Begräbnifsort der Gemahlin Wittekinds nach
Beim verlegt.

Von dem alten Altare ist nur noch die Mensa
vorhanden, welche, wenn man nicht aus der
knorrigen Schlichtheit des Beschlages an der
rückwärtigen Thür auf sehr frühe Entstehungszeit
schliefsen will, keinerlei Anhalt zu Zeitbestim-
mungen bietet. Zwei gemalte Flügel eines jetzt
abhanden gekommenen Schnitzaltares stehen auf
einem schlecht aufgeführten Seitenaltare in einer
Nische der Südwand. Sie stellen Kreuztragung
und Kreuzabnahme dar und entstammen dem
Anfange des XVI. Jahrh.

Zum Schlüsse noch die Mittheilung, dafs
der ganz unbedeutende Sakristeianbau dem
Kirchlein erst nach 1700 zugefügt wurde.

Berlin. Alfred Iiensen.
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