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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 23.1967

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https://doi.org/10.11588/diglit.44899#0224

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216

Kurt Gerhardt

heben: wieder die zusammengreifende Aufgabenbestimmung der Anthropologie, keines-
wegs nur die Beschränkung auf eine Anthropobiologie (um einen alten französischen
Terminus zu gebrauchen), die niemals, auch wenn sie als solche noch so wichtig ist, aus-
reichen kann, das „nosce te ipsum“ zu ermöglichen, welches Linne als einzige Kennzeich-
nung der Gattung Homo eingesetzt hatte.
Das Verhältnis Eckers zur Wallace-Darwinschen Hypothese war krampflos, wie es seiner
Wissenschaftlichkeit entsprach. Ihm als Biologen war der Entwicklungsgedanke ja längst
bekannt, die Pointierungen des „Kampfes um’s Dasein“ und der „natürlichen Züchtung“
(Eckers Formulierungen um 1871) waren akzeptabel; im Hinblick auf „Vererbung“ und
„Veränderlichkeit“ (Variabilität) konnte Ecker wie Darwin selbst nichts anderes sein
als Lamarckist: den goldenen Schlüssel zur Genetik fand Gregor Mendel zwar bereits
1865, aber erst um 1900 konnte er zum Aufschließen verwendet werden. Allerdings sah
Ecker wie Wallace keine Notwendigkeit, nun gleich das ganze Menschentum „durch
die blinden, bewußtlos, zweck- und planlos wirkenden Naturkräfte erklären“ zu müssen;
er sah, wiederum wie Wallace, in der moralischen und ethischen Qualifikation eine nicht
einfach von der Tierheit abzuleitende Sonderheit der Menschen, auch wenn sie sich in
ihrem Vervollkommnungsstreben gleichsam einer Art „natürlicher Züchtung“ bediente.
Gerade hierzu stellte Ecker in seiner Schrift „Der Kampf um’s Dasein in der Natur und
im Völkerleben“ (1871) die Aufgabe, „zu erforschen, wie weit die Gesetze der Natur
auch noch auf dem Boden der Geschichte und Politik ihre Anwendung finden“, mithin
in moderner Formulierung: eine humanide Ethologie zu betreiben. Konrad Lorenz
hat hier einen freundlichen Ahnen. Im Hinblick auf die spezielle Phylogenie der Men-
schen, insbesondere auf die Stellung von Homo zu den Anthropoiden, nahm Ecker die
besonnene Haltung ethisch orientierter Wissenschaftlichkeit ein, welche allezeit die Aus-
sagen der Beweiszeugnisse gelassen wägt und die eigenen Folgerungen im Zaume hält.
Was war denn über Sapiens-Reste hinaus vorhanden? Die realen Knochenfunde waren
äußerst sporadisch, dürftig erhalten, schlecht oder gar nicht datierbar: die Fragmente
aus dem Neandertal, das Unterkieferstück von La Naulette, das Schädelrelikt von
Gibraltar. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, es wären alle von Fuhlrotts und Kings
Deutung abweichenden Erklärungen des Neandertalers rundweg Blamagen verstockter
Gelahrtheit, daß es uns gar nicht mehr in den Sinn kommt, zu prüfen, welches Aussage-
gewicht diesem Häuflein Knochen damals tatsächlich zugebilligt werden mußte.
Wenn ein so beglückend offener Geist wie v. Baer den Neandertaler — nach einer Mit-
teilung von Ecker aus dem Jahre 1879 — um 1860 herum „einfach für einen Kimri mit
ungewöhnlichen Augenbrauenbogen“ hielt, so war das zwar, wie wir heute längst
wissen, falsch, jedoch zu jener Zeit keineswegs eine lächerlich forcierte Erklärung. Ecker
sagte in der „Berechtigung und Bestimmung des Archivs“ (1866) zur „Stellung des Men-
schen in der Natur“: „Wie Manches auch in dieser Richtung bereits gethan, so fehlt doch
noch allzuviel, um sich mit irgend einer Aussicht auf Erfolg schon jetzt an die letzten
Fragen nach dem genetischen Zusammenhang zwischen dem Menschen und den anthro-
poiden Thieren, die durch eifrige Nachfolger Darwin’s wohl viel zu früh aufgestellt
wurde, zu wagen. Ob Entwickelungsgeschichte und Paläontologie Licht in dieses Dunkel
bringen werden, ist abzu warten (gesperrt Gerhardt). Sicher ist es aber nicht Auf-
gabe einer ernsten Wissenschaft, auf vorzeitige Fragestellungen einzugehen, zu deren
Beantwortung noch gar zu wenig Material vorliegt; denn wir gewinnen, nach einem
 
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