Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 20.1902

Page: 80
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s amerweise eine Bezeichnung der von den Aermsten
bewohnten und darum auch der entlegensten
Stadtteile. So heißt man in Murrhardt
(Oberamt Backnang), dem Sitz des ehemaligen
bekannten Benediktinerklosters, den rechtufrigen
Teil zwischen Murr und Bahnhof die Galabre.
In der ehemaligen Reichsstadt Leutkirch im
Allgäu benamst der Volksmund einen Komplex
von sechs zusammengebauten Wohnungen Kala-
rum; man ist beim Erklärungsversuch geneigt,
u. a. auch an Kalvarienberg zu denken, allein
ein solcher hat sich nie in dieser Gegend be-
funden. In Rastatt und Karlsruhe heißen
abseitsgelegene Stadtteile Kalaberich; in ersterer
Stadt nannten italienische Arbeiter, welche Stadt
und Schloß R. in der jetzigen Gestalt aufführten,
die Vorstadt so.
Im Zusammenhang mit der auffälligen Be-
nennung steht es, daß man in Oberschwaben hin
und wieder von einer kalabrischen Hitze spricht.
So bezeugt auch Danneil Wb. der altmärkisch-
plattdeutschen Ma. 1859, S. 284 „dit is 'n
kalabaorsche Hitte, hir is kalabaorsch inbött".
Und in Frommanns Ztschft. f. Ma. VI 1>5
kommt in einer alemann. Sprachprobe vor: „er
hat kalaberisch gsoffe". Hierher stellt sich wohl
auch das von Kluge, Studentenspr. 97 aus Schriften
Laukhards l„Eulenkapper") von der Wende des
l8. 19. Jahrhunderts belegte Kalaber'für „Kerl,
Bauer, Kaffer". Kalabrisch wird auch für gehörig,
tüchtig (— kapitalisch?) von Wachmann (s. „Sämt-
liche Gedichte", 1860, Reutlingen bei Fleischhauer
und Spohn, S. 212), wo es in der „Drechselbank
im Olymp" heißt:
„Als Juno ihm (Zeus) zu Leibe kam
Und zärtlich sich die Mühe nahm,
Kalabrisch ihn zu waschen . . . ."
angewendet.
Der Ursprung dieser Benennungen macht
Schwierigkeiten. Der bekannte Essayist Christoph
Friedr. Karl Kölle meint in feinen 1837 ver-
öffentlichten „Hundert HZ über Schwaben über-
haupt" unter H 81: „Es ist wohl mehr wegen
des Schalls als wegen Traditionen aus den
Zeiten schwäbischer Kaiser, daß man sich so häufig
des Ausdrucks kalabrisch bedient und an manchen
Orten den von Aermsten bewohnten Stadtteil
Kalabrien nennt wie z. B. in Murrhardt". Viel-
leicht ist aber das Bild in Verbindung mit diesen
Traditionen der Lage des betreffenden Stadt-
teiles als der äußersten oder ärmsten des Ortes
entlehnt, wie Kalabrien — eine arme Provinz —
am äußersten Zipfel Italiens hängt. Auffallend
ist es schon, daß die Bezeichnung nur für von
den niederen Volksklafsen bewohnte Stadtteile
vorkommt. Bekannt ist in Süddeutschland auch
der Kalabreser, der breitkrämpige, hohe, spitz
zulaufende, jetzt aber wieder ziemlich in Abgang
geratene Hut, wie die Bluse 1848 ein revolutio-
näres Abzeichen.
Ich benutze die Gelegenheit, eine andere Be-
nennung von bestimmten Stadtteilen zu erwähnen.
Pfannenstiel heißt eine südwestlich gelegene Vor-
stadt von Ravensburg und ein Stadtteil von
Memmingen, desgl. die Spitze des westwärts
gelegenen Oberdorf im oberschwäbischen Markt-
flecken Aulendorf. Pfannenstiel heißt auch

ein Stadtteil von Karlsruhe. Ebenso giebt es
einen Weiler dieses Namens im Oberamt Aalen
und eine Burgruine bei Bärenthal in Hohenzollern-
Sigmaringen. Auch noch an andern Orten kommt
diese Benennung vor. Diese Bezeichnung rührt
gewiß von der Form der Erweiterung der Orte
her. Necü.
-cü. Ein Franzos enlürin vorhundert
Jahren. Schon um die Mitte Juni 1796 fing
es an, in Oberschwaben teils sehr lebhaft, teils
sehr unruhig zu werden. Der Kriegsschauplatz
schien sich immer der Donau näher zu ziehen;
deswegen verlangte die Versammlung der schwä-
bischen Kreisstände ihre Sitzungen nach Augsburg,
und die Gesandtschaften verblieben daselbst bis
den 23. August. Besonders war der 9. Juli
ein sehr unruhiger Tag. Es hatte sich in ganz
Oberschwaben das Gerücht verbreitet, daß ein
1500 Mann starkes Corps vom Cond6eschen
Corps zwischen der Iller und Donau plündere
und raube, senge und brenne. Besonders um
Waldfee, Saulgau, Altshausen, ja selbst bis Mem-
mingen, Ulm und Augsburg erstreckte sich dieser
Lärm, so daß man in mehreren Orten schon alle
Anstalten traf, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben.
Die Sturmglocken wurden schon Hin und wieder
angezogen, die Archive eingepackt, Kirchenschütze
und andere Kostbarkeiten geflüchtet, ja selbst die
Einwohner mancher Ortschaften griffen zu den
Waffen, so daß sich eine Mannschaft von unge-
fähr 50 000 Alaun mit Flinten, Spießen, Aexten,
Knütteln, Gabeln rc. bewaffnet in Bewegung setzte.
Unter anderen stellte sich der Neichsgraf Fugger
von Babenhausen selbst, mit der Fahne in der
Hand, an die Spitze seiner bewaffneten Uuter-
thanen. Da sich die Schreckensbotschaft auch in
Augsburg und der Gegend umher verbreitet hatte,
so geriet ebenfalls alles in Bewegung. Wer vor
den Thoren der Stadt wohnte, selbst die Be-
wohner der umliegenden Dörfer, flüchteten ihre
Habe in die Stadt, mehrere Archive und Kaffen
benachbarter Aemter wurden hereingebracht. Die
wichtigen, oft mit einem Wert von vielen hun-
derttausend Gulden bedeckten Kattun- und Weiß-
bleichen wurden in aller Eile aufgehoben, und
das Augsburger Bürgermilitär machte sich schon
mutig gefaßt, bei irgend einer Veranlassung den
Plünderern thätigen Widerstand zu leisten. Allein
die Folgezeit lehrte bald, daß die allgemeine Be-
sorgnis sich auf nichts weiter als auf eine ver-
unstaltete, durch immer weitere Ausbreitung ver-
größerte Sage gründete. Die Sache selbst ver-
hielt sich folgendermaßen: Die Condeeschen Depots
und Lazarete wurden von Kavallerie- und Jn-
fanteriebedeckungen durch das südliche Schwaben
gegen die bayerische Grenze hinaufgeschafft, und
einzelne von den Bedeckungsmannschaften dachten
niedrig genug, die ohnedies schon genug geängstigten
Landleute zu plündern und zu berauben. Die
Sage machte die Ausschreitungen noch größer,
und je mehr sie verbreitet wurde, desto schreck-
licher war ihr Inhalt. Am Ende sah man ein,
daß man sich getäuscht habe und alles ging ohne
Blutvergießen wieder auseinander. Nur zwei
Fremdlinge, die die Condeesche Montur trugen,
fielen in die Hände des ergrimmten Landvolks
und wurden unschuldige Opfer des Todes.

Stuttgnrt, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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