Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 20.1902

Page: 154
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Leck. Ein Vorgänger deF Stucro
— Lustro-Stile^ und Meister dieses
Faches in Fcstwaüen iin 16. Zlsnhr-
liundert»
Eine der interessantesten Kirchenbanten
Hohenzollerns ist die schon in altersgrauen
Zeiten entstandene, in den Jahren 1586
bis 1589 unter Graf Eitel Friedrich IV.
mit seiner Gemahlin Gräfin Sibylla von
Zimmern nmgebante und dann von Franzis-
kanermönchen (bis 1803) bezogene, heute
noch im gottesdienstlichen Gebrauche stehende
ehemalige Klosterkirche St. Luzeu bei
Hechingen, von welcher das Pracht-
werk von Zingester-Lanr: „Die Ban-
nnd Knustdenkmäler in Hohenzollern re."
(Stuttgart, 1896, bei Neff) ans S. 129
bis 133 eine Beschreibung unter Zugabe
mehrerer trefflicher Abbildungen bringt.
Ursprünglich gotisch, wurde der Tempel in
den genannten Jahren im Innern im
reichsten Renaissancestil ansgebildet. „Die
Schiffswände zeigen in kräftiger Stuck-
arbeit Halbsänlcn, zwischen denen Nischen
nebst Figuren angeordnet sind. Die
Zwischenräume sind mit Flachornamenten
behandelt. Besonders reich mit Reliefs,
Cartonchen, Frnchtschnüren n. s. w. sind
die Bogenfelder des Gewölbes ausgestaltet.
Das Netzgewölbe des Langhauses ist ans
Holz und noch gotisch.... Im Chor,
dessen Wände ähnlich wie die des Lang-
hauses behandelt sind, zeigt das Gewölbe
schon eine viel freiere Ausbildung. Hinter
einem quadratischen Travee aus reichem
Netzwerke, dessen Rippen mit Perlstäben
besetzt sind, schließt sich das Gewölbe
muschelartig gegen die Schrägseiten ab."
So ist dieses Gotteshaus mit seinen reichen
Wanddekorationen, seinen hervorragenden
Stuccaturen und geschmackvollen, zier-
lichen Bildhanerarbeiten sc. cin wahres
architektonisches Schmuckkästchen und eine
Perle der Frührenaissance, von deren an-
mutendem Reiz und FormenrAchtum diese
kurze Skizze kein genügendes Bild geben
kann, welche man vielmehr selber sehen
muß. Das Merkwürdige an der Sache
aber ist, daß die S t n c c a t nr k u n st,
wie sie namentlich im 18. Jahrhundert in
zahlreichen Kirchen Schwabens in der her-
vorragendsten Weise zur Blüte kam, hier
in dem reizenden Jnnenbau schon einen

bedeutenden Vorläufer gefunden hat, was
bis jetzt der schwäbischen Kunstgeschichte
entgangen und worauf aufmerksam gemacht
zu haben, das Verdienst des fürstl. Archiv-
direktors Or. Zingel er in Sigmaringen
ist, was man freilich in München diesem
Gelehrten anfangs gar nicht glauben wollte!
(s. „Schwäb. Künstler sc.in Hohenzollern sc."
von Zingeler in „Bes. Beil", des württ.
„St.-A/vom 2.Mai 1902, S. 117—122,
vgl. mit „Kulturgeschichtliches aus Hohen-
zollern" (Schloßbau in Hechingen), einer
verdienstvollen Arbeit von demselben, in
den „Hohenz. Mitteilungen", 34. Jahr-
gang, S. 33 ss.). Und — doch steht
diese Thatsache, daß im 16. Jahrhundert
die edle Kunst des Stnccoö schon in
Schwaben geblüht, nicht vereinzelt und un-
vermittelt da, wie ans nachfolgender Mit-
teilung in den „Württ. Jahrbüchern"
von 1826, S. 105, zu entnehmen ist.
Herzog Christoph von Württemberg war
bekanntlich ein großer Banliebhaber, so
der Erbauer des alten Schlosses, der
„allen Kanzlei" sc. in Stuttgart, wodurch
er geschickte Arbeiter und Bauleute heran-
gezogen hatte, die bald von diesem, bald
von jenem Fürsten begehrt wurden. So
wendete sich auch der Kurfürst Friedrich II.
von der Pfalz, als er das großartige
Heidelberger Schloß weiterbante und be-
sonders auf den großen Saal darin alles
verwendete, i. I. 1551, also über zwei
Jahrzehnte vor dem Erscheinen Rufers,
an den Herzog um Stnccatoren. Er bat
ihn in einem Schreiben, daß er ihm doch
einige seiner Jpser zur Verfertigung der
Sluccatorarbeck zuschicken möchte, da er
in der Pfalz die geschickten Leute nicht
bekommen könne. Das geschah, und die
Stuccaturen in dem Heidelberger Schlosse,
die so viel Bewunderung fanden, sind also
die Arbeit sch w äb is ch er Künstler. Sind
auch ihre Arbeiten bei der barbarischen
Zerstörung des Schlosses durch die Fran-
zosen in den Jahren 1689 und 1693 zu
Grunde gegangen, so wäre es doch für die
schwäbische Kunstgeschichte nicht ohne Wert,
wenigstens die Namen und engere Heimat
dieser „Jpser" wieder zu erfahren. Die An-
nahme liegt nahe, daß der nachgen. Wendelin
Nufer ans dieser Schule hervorgegangen ist.
Wenn das reizende Innere der St. Lnzen-
kirche heute noch das Lob der Meister und
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