Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 20.1902

Page: 144
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Last, sowohl wegen Biberach als Ulm, zu
wachsen würde. (Fortsetzung folgt.)
Mein er r Mitte i tun gen.
Das Staatskirch entum zu Rhein-
bund s zeit en. Wie sehr das Hineinregieren
der weltlichen Behörde in das kirchliche Gebiet
zu Anfang des vorigen Jahrhunderts einge-
rissen war, geht u. a. aus folgendem Erlasse
des Kgl. bayer. Landgerichts Ravensburg, gez.
F. K. Weber'), 26. April 1809 (in Nr. 22
von 1809 des „gemeinnützigen Wochenblatt für
Ravensburg", Vll) Jahrgang) hervor: „Damit die
allerhöchste V. O. über die vorgeschriebenen Ge-
bete und Segnungen in deutscher Sprache am
Fronleichnamsfeste befolgt werden kann,
wurden die vorgeschriebenen Evangelien, Gebete
und Lieder in der hiesigen Gradmannschen
Druckerei abgedruckt. Die ganze Sammlung,
2 Bogen stark, ist um 6 Kr. zu haben. — Es
ist der strenge Wille der Unterzeichneten Behörde,
daß jeder an dieser Feierlichkeit Teilnehmende
mit dieser zweckmäßigen, der Gottesverehrung im
Geiste und in der Wahrheit entsprechenden Samm-
lung versehen sei!" — Einen noch weit merk-
würdigeren Erlaß, ck. ck. Rav., 21. April 1809,
veröffentlichte (a. a. O. Nr. 17) dieselbe Be-
hörde des Inhalts: „Wenn gleich das gebildete
Publikum die Verehrung Gottes nicht in den
Dienstleistungen, in bloßen mechanischen Religions-
gebräuchen, sondern einzig und allein in der An-
näherung des Willens an den Göttlichen, in der
moralischen Reinheit des Herzens, der Gesinnungen
und Handlungen findet, so wird doch noch immer
als Spur des grauen Zeitalters die Gewohnheit
bemerkt, jedes Individuum nicht mit seinem Na-
men zu nennen, sondern durch Religion zu
unterscheiden.
Es wird daher verfügt, daß derjenige, welcher
ein Individuum nach der Religion nennt, und
unterscheidet, in eine Strafe von 1 Thaler zur
Armenkasse unablässig verfällt." k. Leck.
N o chm a l s d i e s e l. Herluca! (zu „D.-A."
XVIII. 1900, Nr. 10, S. 160 f.) In der ältesten
Lebensbeschreibung, die man von dem reg. Chor-
herrn Paul v. Bernried über seine Zeit-
genossin, die sel. Herluca, auch Helluka, Herulia,
srz. Herluque — nicht zu verwechseln mit der hl.
') Es ist dies derselbe bayerische Landrichter
Weber, welcher bekanntlich auf einmal das alte
städtische Waghaus in Ravensburg abbrechen
lassen wollte, damit der Blaserturm dastände,
als ob er aus dem Boden herausgewachsen wäre,
welcher Gedanke aber glücklicherweise nicht zur
Ausführung kam. Da war es schon ein glück-
licherer Gedanke von ihm, i. I. 1809 auf dem
Gottesacker eine 30 Schuh hohe steinerne Säule
mit dem Sinnbilde der Ause r stehung Christi
errichten lassen zu wollen, welcher aber auch nicht
(von wegen der Kosten) zur Ausführung kam. —
Katholischer Stadtpfarrer in Ravensburg war noch
von der Reichsstadt her zurzeit dieses Hinein-
regierens Dekan Joh. Franz Schmzer, über welchen
Dizinger, der Nachfolger Webers, in seinen „Denk-
würdigkeiten re." sich sehr günstig ausspricht.

Märtyrerin Hereula, Hertula, deren Gedenktag
am 12. April — hat, ist ihre Herkunft, Ab-
stammung nicht angegeben. Als ihr erster Auf-
enthaltsort wird von Paul v B. eine Burg
Moropolis ( — Totenstndt — von —
Tod und 7rc-^kg — Stadt) genannt. In ihrem
früheren, sehr weltlichen Leben wurde H>rluca
u. a. von einem sehr schweren Augenleiden heim-
gesucht, daß sie nahe daran war, zu erblinden.
In ihrer großen Not nahm sie nun auf eine
Vision hin ihre Zuflucht zu dem hl. Märtyrer
Cyriakus, welchem zu Ehren sie eine Kerze
anzündete, und fand Erhörung; sie genas voll-
ständig von dem kranken Auge, sah wieder voll-
kommen mit demselben und blieb dasselbe sehr
scharf bis ins höchste Alter. Eine andere Quelle
erzählt, Gott habe ihr in den Sinn gegeben, eine
eherne Kugel in Form eines Auges zur Kirche,
wo die Reliquien des hl. Cyriak ruhten, zu
schicken. Reliquien von diesem Märtyrer waren
nun von alten Zeiten her in dem Benediktiner-
kloster und nachmaligen Chorherrnstifte Wiesen-
steig niedergelegt und verehrt. Aus diesem
Grunde ist wohl die Vermutung gestattet, daß
der damalige Aufenthalts- vielleicht Geburtsort
der Seligen nicht weit vom gen. Gotteshaus zu
suchen und daß Moropolis das nicht weit von
Wiesensteig an der Straße von Kirchheim nach
Blaubeuren hochgelegene Dorf Donnstetten
(Dunestetten rc.; Totenstetten) sei. In der That
wurde das Kloster Wiesensteig bei der Stiftung i.
I. 861 mit D. begabt (s. auch Hesele, Gesch.
der Einführung des Christentums re. S. 417).
„Hier also übte sich die Selige in Gebet und
Werken der Nächstenliebe; sie nahm sich in Liebe
der kleinen Kinder an, die sie wartete, und unter-
stützte deren arme Mütter durch Anfertigung,
Flicken und Waschen von Kleidungsstücken, Be-
sorgung von Bädern, Beschaffung von Lebens-
mitteln rc. In ihrem Streben nach Vollkommen-
heit wurde sie durch Visionen und a. Gnaden-
erweisungen Gottes bestärkt" (Stadlers Heiligen-
lexikon rc., II S. 665). Bei Paul v. B. ist
auch angegeben, die Pfalzgräsin Adelheid, Mome-
gilds von Calw Gemahlin, habe sie zu sich be-
rufen, um in ihrer Gesellschaft das Leben ihrer
anserwählten Schwestern in Christo, Wieliea und
Hildeburgis, nachzuahmen. Mann und warum
die Selige Moropolis verlassen, findet sich leider
nicht mitgeteilt. Wie so manche gottselige Personen,
hatte sie nicht wenig unter den Verfolgungen,
Nachstellungen und Verleumdungen übler Leute
zu leiden. Sie ließ sich dann 36 Jahre am
Grabe des hl. Bischofs Wikterp von Augsburg
bei dem Dorfe Epfach nieder und beschloß dann
(am 18. März?) 1142 ihre Tage in Kloster Bern-
ried, ivo sie auf der Epistelseite des Chors der
Klosterkirche beigesetzt ward und wohin das Volk
heute noch walljahrtet; ein einfaches Kreuz aus
einem Stein des Kirchenpflasters bezeichnet den
Qrt ihres Begräbnisses. Heute noch geht in
und um Bernried die Sage, daß, wenn die sel.
Herluca nächtlicherweile in die Kirche ging,
die verschlossenen Thüren ihr sich von selbst ge-
öffnet hätten. Ihr Gedenktag ist nicht der 19.,
sondern zugleich mit dem hl. Wikterp, der 18. April.
keoli.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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