Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 67.1930-1931

Seite: 31
DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1930_1931/0037
Lizenz: Freier Zugang - alle Rechte vorbehalten Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
WALTHER TEUTSCH—MÜNCHEN

»LANDSCHAFT MIT PFERDEN <

KUNST UND HANDWERK

VON DR. FRITZ NEMITZ

Max J. Friedländer fordert einmal in einer
seiner vorbildlich klaren Abhandlungen
ein Lexikon, in dem die allgemeinen Begriffe,
mit denen die Kunstbetrachtung operiert, klar
definiert wären; Begriffe wie Form, Qualität,
Künstler, das Malerische, das Plastische u. a.
Begriffe sind Vereinbarungen, Verabredungen,
die nur dann den Zweck der Verständigung er-
füllen, wenn sie ihrem Umfang, wie ihrem In-
halte nach klar abgegrenzt sind. Im anderen
Falle stiften sie Unklarheit, Verwirrung, oft
Unheil. Was gemeint ist, sei kurz an dem Be-
griff des Handwerks erläutert.

Als vor einigen Jahren eine Reform der
Kunst-Schulen und der Künstler-Lehre ange-
strebt wurde, tauchte als Schlagwort der Begriff
des Handwerks auf. Man ging von dem Ge-
danken aus, Kunst und Handwerk müßten, wie
m früheren Zeiten, zusammengelegt werden und
man erhoffte von dieser Union eine Befruch-
tung und Belebung der Kunst wie des Hand-
werks. Auf dem Wege über das Handwerk
glaubte man eine Reform der künstlerischen
Ausbildung durchführen zu können. Man über-

nahm den Begriff des Handwerks als absolute
Kategorie, ohne sich über die vielfache Spann-
weite und über die verschiedenen Bedeutungs-
schichten dieses Begriffes zu verständigen. Man
verband Vorstellungen und Tätigkeiten mitein-
ander, die nichts miteinander zu tun haben.

Verfolgen wir kurz den Begriff des Handwerks
auf seinen Sinnwandel hin. Der Tischler, der
eine Truhe, der Schmied, der ein Gitter ver-
fertigt, war und ist Handwerker in des Wortes
reiner Bedeutung, und weder Truhe noch Gitter
hatten, so gut auch immer sie gemacht waren,
etwas mit Kunst zu tun — bis von der Ästhetik
aus der Begriff des Schönen, des Kunst-Schönen
hereingetragen wurde. Die Verwirrung begann,
als aus dem Handwerker der Kunsthandwerker
und aus diesem der Kunstgewerbler wurde.
Zwei verschiedene Tätigkeiten, die nur sekundär
zu einander in Beziehung stehen, wurden in
primäre Beziehungen gesetzt und hierdurch so-
wohl der Bereich des Handwerks wie der der
Kunst verunklärt. Da der Handwerker, dereine
gute Truhe oder eine qualitative Uhr herstellte,
über ein großes Können verfügen mußte, wurden

XX«V. Oktober 1930. 4

31
loading ...