Zeitung für Einsiedler: newspaper — Heidelberg, 1808

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Lorrespondenznachrichten aus Bädern
und Brunnenorten.
^ine Zeit her bat sicks zugetragen, daß die unsckmldige Neu-
qicrde vieler braven Leute irr Bezug auf diese gute Stadt, allzu
schlecht befriedigt worden, was mitnichten gut geheißen werden
, kann. Dunkele Gerüchte find wohl umgelaufen; von mancherlei)/
was dort getrieben und unternommen würde- aber an den Tho-
ren waren die bekannten eisernen Riesen vostirt, und walkten mit
den Dreschflegeln unbarmherzig auf alle Zuträger los / und es kam
alles zerquetscht und zerprügelt heraus, daß nichts Rechts daraus
abzunehmen war. Es hat sich aber ein Einsiedler gefunden / der
mitten auf dem großen lärmenden Markte seine Siedeley sich ge-
baut, und dorr seinen Betrachtungen obliegt; der will dem brün-
stigen Verlangen eines verehrungswürdigen Publicums entspre-
chen, und von Zeit zu Zeit einige authentische Nachrichten der
Welt mittheilen, was er so bisweilen aus seiner Klause erblickt,
und was sich wissenswürdiges in dieser guten Stadt zuträgt. Es
ist übrigens eine harmlose fromme Natur, was die Redaktion ver-
bürgen wird, die niemand dosen Leumund machen Witt und üble
Nachrede, nichts als Gutes und Liebes: denn über alles geht der
Hausfrieden und die Sittsamkeit, und die Stille. Er giebt nie zu,
daß Tobak geraucht werde in seiner Klause oder geflucht und sacra-
mentirt; wenn die Fratschelweiber keifen und schreyen und rau-
fen, geht er mit der größten Gelassenheit umher, und macht feine
Observationen an den Thierchen, wie sie so boshaft sind und so
nichtswürdig, und sich einander die Augen im Kopfe nicht gönnen,
und wenn sie giftig über feine übermäßige Gelassenheit ihn auch
anfallen, dann hilft er sich wohl einmal wie der Fuchs, wenn ihm
die Hunde all zu sehr zusetzen, was in der Naturgeschichte nachzu-
lesen ist.
Nachdem er feine Reverenz gemacht, muß Concipient des Ge-
genwärtigen sogleich bemerken, daß seine Vorgänger im Amte,
sogar Haupteorrespondenten übel unterrichtet sind. Einer, ein
Schneider von Profession, har jüngst einen kleinen Verdruß mir
der literarischen Polizey gehabt, die ihn ausgestäupt, und einige
Fractur in Unzialbuchstaben ihm an die Stirne geschrieben; darauf ist -
das Schelmchen so scheu und blöde geworden, daß es nur auf den
Bergen herumschleicht, und von weitem aufschnappt, was seine
Freunde inwendig ihm zugeigen oder krähen. Neulich haben sie
ibm ein confmes Gerede von Hundsschnautzen, Kindermährchen,
gefrorncr Musik, Indien, Mvstik, u. s. w. zugekrifchen, das hat
er ins Maul gefaßt und hat's gleich der Expedition apportirt.
Matin! das war ein Fressen für die Meute der Brüder;
die längste Zeit hatten sie mit hungrigem Magen und gespitzten
Obren gelaustert, der Himmel wollte keine Äsung schicken, da kam
das wohlriechende Futter. Alle haben sie auf einmal angeschla-
gen, die allerliebsten Fialerichen, die zärtlichen Fraubasenhünd-
chen , die den eleganten Damen mit Lecken die Handschuhe glasi-
ren; die unverschämten, zudringlicl-en krummbeinigten Dachse, die
den Leuten hundertmal gejagt, immer in den Häusern liegen,
nnd den Kindern die Schlutzer mit Milch und Viscuit auf Vor-
rath gefüllt wegftehlen, und den buttergerösteten Weck aus der
Erbsenbrühe; die boshaften neidischen Mopse, die den übermäßi-
gen Verdruß haben, daß der liebe Herrgott kein Mops ist, und
sie nicht Herrgott sind; die plumpen Metzgerhunde, die mit zuge-
bundenem Maule als Recensenten die Literatur abhetzen; die blon-
den giftigen Spitze, die unaufhörlich in den Journalen Heuleit,
und wenn man ihnen nicht auf die Mäuler schlägt, in die Waden
sich verbeißen; all das Volk, das ein tüchtiger Peitschenknall in
die Löcher jagt, ist hervorgestürzt, und eine Heerde'Schnattergänfe
aus Dummheit mit, sie meynttn mit den Hunds-.chnautzen sey mck

sie gestichelt, und waren darüber so böse wie Ottern geworden.
' Doch muß das Publicum nicht glauben, es seyen der eidenbissigen
Bullenbeißer wirklich so viele, es ist nur eine einzige Kuppel, die
ein berühmter Hundeliebhaber mir den Brosamen seines Tisches
fütterr, der sich einbildet, alle Leute wollten ihm die Schuhe aus-
treten, die Vögel wollten ihn durch ihr Singen foppen, die Katze
mit ihrem Spinnen seine Profession nachmachen, der Wind läge
übrigens heulend nach Brod vor seiner Thüre, der Donner wäre
ihm in der Unachtsamkeit entfahren, und das Erdbeben entstünde
durch sein zorniges Stampfen. Besagte Compagnie in dem Hals-
bande mit großen Mefsingbuchstaben bezeichnet, läuft nun immer-
fort auf und nieder, bellt bald zu jenem Loche heraus, bald wie-
der zum andern, vom kranken Könige, von der todschlagenden Phi-
losophie, von Nonpareille u. s. w. daß man glauben sollte, es
wären ihrer viel hundert, und das ganze Publicum heulte zur
Gesellschaft mit. Aber wie gefagt, mit einer Butterbemme könnte
man sie zahm machen und wedelnd, oder wenn man herausgienge
mit einer Zaze, man könnte sie einfangen und ihnen bunte Röck-
chen anziehen und sie abrichten zu Tanz und Kunststücken jeder
Art, daß sie sich unter einander todtfchießen, auf dem Kopf stehen
und dergleichen. Besonders an der steinernen Musik haben sie sich
unaussprechlich gelabt, sie haben schon lange gewünscht, daß ihr
Geheule zu Steinen werden mögte, um damit die verhaßten Geg-
ner zu steinigen; die Kochkunst in der Aefthetik haben sie ohnge-
achtet einiger Ziererey recht wohl gourirr, und die Geruchkunst
war ihnen auch rechte Satisfacrion, weil sie dieselbe so schön im-
mer ausüben, wenn sie sich einander begegnen, und immer beym
gleichen Gestanke sich erkennen und mit einander befreunden. In
Indien aber hatten sie vernommen, verlöre das ganze Geschlecht
die Stimme, darum mogten sie nichts hören davon.
Hier soll guter Bescheid und Aufklärung folgen über die ganze
Verwirrung. Zuerst ist es allerdings an dem, daß man hiesigen
Ortes von gefrorner Musik einige Nachricht hat. Der gemeine
unwissende Pöbel hier herum meynt, die Berge weit und breit
seyen wirklich solche gefrorne himmlische Gesänge; wo guter Wein
wächst und alles schön fruchtbar ist, da haben die Engel gesungen,
wo aber rauhe wilde Klippen sind, da hat der Teufel hineinge-
brüllt. Sie beweisen es ihrer Meynung nach damit, die Berge
steigen allmählig aus, das ist cresceoäo, sie fallen ab, äe'ercLceriäo,
sind sie kuppig das ist gestoßen, oder ineinandergezogen, geschleift;
der Melibocus und Königssiuhl loi-ri^iwo, dann fort herunter
bis zum xjallo und pisniL^wo unten in der Ebene; die Thäler
aber sind Pausen, die Eultur sä und die Cadenz. Daraus
folgt: die Erde ist mir lauter großen steinernen Noten bedeckt, die
Flüsse sind die Rastrirung, in der Schweiz aber hat der Kapell-
meister gestanden und den Lact dirigirt und geschlagen. Es ist
aber keineswegs ihre bloße dumme Meynung, die sie das weis
macht, sie haben ein recht greifbares Argument; in der Nähe
nämlich ist noch die ganze ehmalige pflälzische Kammermusik,
in einen Spiegclpallast gestanden, als unverwüstliches Denkmal
übrig. Wahrlich ein ganz herrlicher Anblick, den alle reisenden
Fremden, die in hiesige Gegend kommen, durchaus nicht versäu-
men dürfen, am Abend mit Fackeln in das Eisschloß zu gehen;
es brennt alles in den atterschönsten glühenden Farben, die Arien
sind zu Regenbogen geworden, die Symphonien stehen in langen
Säulengängen umher, und die gefangenen Töne seufzen in Jlämm-
chen aus, die Lremulanten sind in Schweifungen verzittcrt, und
die Mordanten haben die scharfen Winkel gegeben, oben hän-
gen die Clarinettsolos wie Eiszapfen herunter, unten har die
Conrrebasse brummend mir viereckren Crystalltafeln den Pattast ge-
plättet, die Violinen haben eine Spitzenlamberie um die Säle gebil-
det, die Flöten zierliche hängende Eislustern zusammengezauberr, die
Waldhörner haben schöne kühle Sprinncnbrunnen von steigenden
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