Zeitung für Einsiedler — Heidelberg, 1808

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Zeitung für Einsiedler.
1808. - 3/ —-30. August.


Scherzendes Gemisch von der Nachah-
mung des Heiligen.
(Schluß..)

Noch heute war hier ein wunderlicher Streit zwi-
schen dem alten Einsiedler und einigen Bauern / den ich
durch allerlei) Gleichnisse zu schlichten suchte/ als der
Herzbruder von mir entdeckt wurde. (Wir lassen diese
Geschichte aus/ so wie einen Streit der sich am Schluffe
mit einem Reisenden erhöh/ der sie durchaus publiciren
wollte um das Land aufzuklären / der aber endlich/ da
rs sich fand / daß er alle falsche Ansichten hatte/ die ein
flüchtiger Anblick giebt/ seine Papiere zu zerreissen und
die Urfehde zu schwören gezwungen wurde.) Der Herz-
Lruder hatte während der Zeit das Zimmer verlassen/ ein
funger Mensch/ den ich dis dahin nicht bemerkt hatte/
sprang auf ihn zu und erzählte unfern Streit mit tau-
send belustigenden Uebertreibungen. Das war mir doch
zu arg/ über etwas/ SaS ich selbst gethan fast im selben
Augenblicke so verdrehten Bericht zu hören/ was soll
da aus -er Welthistorie werden. — Um der Wahrheit
willen/ fragte ich ihn/ glauben sie denn an allem dem/
was sie eben erzählen oder halten sie es etwa für eine
Kunst so zu lügen/ fühlen sie denn nicht daß diese ge-
wöhnliche Wirklichkeit der Geschichte in ihrer mannigfal-
tigen Verbindung reicher ist/ als alle fremdartige Erfin-
dung; doch nein/ Sie sind sicher kein Poet. — Kein
Poet / sagte der Herzbruder/ er ist der eins und alles un-
ter den Poeten/ denn er macht alles / was irgend einer
gemacht hat. — Aber wenn eS nicht so war / so wäre
es doch leicht so geworden/ sagte der junge Mann! —
Nun das ist einmal wieder ein Gedanke deiner Art/
so etwas sagt kein andrer/ meinte der Herzbruder; ich
stelle dir hier meinen Reisegefährten / einen jungen
Mystiker vor/ der nächstens wird katholisch werden/
doch unter Bedingungen. — Wenn wir geschichtlich
den jetzigen Zustand von Europa untersuchen / so . . .
der junge Mann wollte fortfahren / aber der Herzbru-
der unterbrach ihn: Um Gottes Willen/ deine Ge-
schichte ist mir viel lieber/ als deine ganze Weltansicht
aller fünftausend Lahre / du hast mir unterwegs die Ge-
schichte deines ersten Gedichts erzählt/ wie du cinge-
schneit gewesen / das Gedicht schien mir dein BesteS/ sag
es noch einmal/ es wird dir gewiß gefallen Herr Bru-

der! — Der junge Dichter setzte sich nahe an deö Herz-
bruders rechtes Ohr und sagte ihm laut Her:
Blind blinket Heller Schnee
Mit weissem Sternenscheine/
Es thut mir alles weh/
Aus Langeweil ich weine.
Mich trübet trübe Luft/
Ich mag nicht um mich sehen/
Da sinkt in mir der Duft/
Viel Lämmer seh ich gehen/
Es scheint ein Purpurlicht/
Lau Leben Luft umfließet/
Doch liegt der Schnee noch dicht
Und keine Blume sprießet.
Weiß hebt auS dürr Gebüsch
Ein Glöcklein sich ohn Klinge«/
Jezt Sonn nicht mehr erlisch/
Dir will sie sich ja bringen.
Die Sonn' verwundert stille steht
Und weilt und kannS nicht lassen;
"Daß ich so hübsche Kinder sä't
„Das kann ich selbst kaum fassen.
„Doch weil dies also freundlich ist
„Will ich mir viele treiben/
„Will treiben sie mit Lust und List
„Und will hier länger bleiben."
Der Schnee verschmilzt / Laß Glöcklein trinkt/
Ertrinkt in seinen Fluthen/
Die Sonne da schon traurig sinkt
Und schämt sich ihrer Gluthen.
Des Flusses Arm den Schnee führt ab/
Grün unser Gärtchen scheinet/
Die Rose schießet überS Grab/
Wo'S Glöckchen sich vermeinet.
Die Sonne freut sich still und stumm;
Auf Strahlen bin ich flogen
UmS Antlitz unbemerkt herum/
Wo nie die Vögel zogen.
Der Anfang wohl beklommen ist/
Der Uebergang beklommen/
Doch wer geduldig wie ein Christ/
Der ist zu Gort gekommen.
In der Zeit hatten sich einige zu uns gesetzt. O
Sapperment/ rief mein Herzbruder/ eS ist mir ordentlich/
als hätte ich in den Schnee gcsehn/ da hat mein Freund
Scheimufsky einen ehrenvolleren Anfang in der Poesie
gemacht. — Wer weiß noch/ wer das beste Ende nimmt?
fragte dev junge Dichter. — Wärst du nur nicht so un«
verständlich / die Unterschriften Und die Beziehungen sind
wie ein ungeheurer Wechselzopf auf einem schönen Ko-
pfe. — Der darf aber nicht abgeschnitten werden / sonst
stirbt der poetische Kvvf daran un- er will doch auch le-
ben ? — Ich weiß nicht warum und kann es dir versi-
chern/ es sagen sehr diele gure Leute/ Menschen von
Sinn/ sie erkennen deine Gedichte gedruckt gar nicht
wieder/ du müßtest dich mitverkaufen. - Wie viel giebst
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