Zeitung für Einsiedler — Heidelberg, 1808

Page: 95
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/einsiedler/0067
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
95

höheres Nervensystem vermittelt hatte, begann der Tausch und
Wandel. Im Urbrgmn war eine Poesie und eine Fabel, die
bildete im Fortschritte jedes Volk auf eigene Weise sich und seinen
Thaten an; im Verfolge strebte dann das individuell gebildete
wieder zur Vereinigung anderer Art, wie die Flüße eins sind im
Erdenschooß, und eins wieder werden wollen im Meeresschooß.
Von Lande zu Lande wurde die Sage hinübergerusen, die vorher
innerhalb des Bans beschrankt geblieben; es begann ein Aneignen,
ein Sammeln, ein Acclimatisiren, wie in den Kunstgarten nach
und nach sich die Pflanzen aller Himmelsstriche sammelten, und
von dort aus die Geographie der Vegetabilien sich immer mehr
verwirrte. So reißten die Isländer B. im zehnten und
rilfrerr Jahrhundert viel nach Teutschland; Erlangen und
Cöln waren die Orte, die sie besonders häufig besuchten. S ä-
mund Frode, der Sammler der Edda hielt sich um 1070 an
dem letztem Orte auf; sie machten sich mit der wutschen Poesie
begannt, und brachten sie nach dem Vaterlande mit, und es ver-
band dort sich mit dem, was Einheimisches erblühte, und wuchs
und gedieh recht fröhlich neben dem, was des Landes war, und
bald hatten die felgenden Geschlechter schon das Andenken daran
verloren, wie all das sich zusammengefunden hatte. Dadurch wird
indessen keines regs ^Wahrscheinlichkeit auch des ganz entgegengesetz-
ten Ganges ausgeschlossen. Glänzend wie irgendwo war im Norden
die Poesie erblüht, Dichter machten Kriegszüge der Fürsten, und
ihr: Pilgerfahrten nach dem heiligen Lande mit, und bildeten die
Fahrren selbst in Gedichte um; von einer eigenen poetischen Wuth
gleich der Berescnkcrwuth, die diese Scalden ergriff, und jedesmal
mit den Aspecten des Mondes zusammenhieug, die ihre Poesie
eben als reine Naturpoesie bezeichnet, was man auch immer gegen
diese einwenden mag, sprechen die Chroniken und Sagen aus jenem
Lande: unmöglich kann es ihm daher an eigenthümlichen Dichtun-
ee r gemangelt haben, was denn auch ihre großartige schöne My-
the dis zur Anschaulichkeit beweißt. Allerdings kam wohl der
Hauptstoß von Osten her, der den Stromgang der Völkerwande-
rung zuerst in Bewegung setzte, aber es kam unläugbar auch ein
bedeutender von Norden herab, und mit denVolkssäumen schwärm-
te auch die Poesie von jenen Gegenden aus. Die Flora des Nor-
dens undk*^ es Südens wurde wechselseitig gegeneinander umge-
taufcht, r rd wir dürfen uns deswegen nicht irre machen lassen,
wenn wir große Gedichte, die ursprünglich auf teutschem Boden
ruhen, um rebildet aus nordischem erblicken. *) Die Geschichte har
nicht Buch whalten über das, was in jedem Lande eignes gewach-
sen ist, oder wißt ihr etwa auch um das Vaterland des Brodes nur,
das ihr täglich esset? Behalte daher unbestritten der Norden seine
Mythe, T utschland sein Epos; jene ruht eben so unbezweifels
felbar auf nordischer Natur, wie dies auf gothischteutscher Hi-
st o ri e. Sage gegen Sage gesetzt, finden wir im Codex der An-
nalen des Snorro, da wo er x. 75—76 die Geschichte des Wid-
*) Das Gedicht über die Rache der Chrimhildis auf der Insel
Hvena, von dem oben die Rede war, wird gleich brav wie
das vorige des Dieterich von Bern von Herrn Grimm über-
setzt, in einem der nächsten Blätter folgen. Der uebersetzer
hält den Schluß des Gedichtes von Hagenes Sohn, und
dem Tod der Chrimhildis für unterschoben. Es mogte dieser
Schluß, der sich auch in der Wilkinasage findet, wohl gleich
ächt seyn, wie das Uebrige, beydes nur accomodirt dänischen
Verhältnissen. Die Vermuthung würde vieles für sich haben,
daß diese Accomodation von dem Scalden Thiodolf, Dichter
am Hofe Harald des schönhaarigen, Verf. der Ynglingatal,
der auch am Anfänge der SnorroschenEdda angeführt ist, untz
selbst von der Insel Hvin cHwen, worauf Tycho BraheL
Uranienburg) gebürtig war, herrühre.

S6
f§r oder des MaguS Jarl beschreibt, wie Carl -er große,
nachdem er so vieles von den alten Helden Dieterich von
Bern, Vidgo Velinrs Sohne, den Niflungen Gunnar,
Jsung und dem nordischen Haldan gehött, begierig geworden
sey, ste selbst einmal zu sehen, und wie der Magier nun durch Zau
berey es dahin gebracht, daß alle bewaffnet, auf ihren Pferden st«
tzend, geschaart in drey Reihen dem Kayser entgegengetreten seyen.
Dieterich in der Reihe der Dritte unter den zwölfen, vor allen
ausgezeichnet durch Kraft und riesenmäßiges Ansehen, sey dann
vom Pferde gestiegen , und alle hätten auf Sitzen um den Kayser
her Platz genommen. Daraus ergiebt stch , wie weit die Tradition
den ttrstwung jener Dichtungen zurück versetzt, und wie sie keines- .
Wegs als eine nordische örtliche Heldensage betrachtet wurde, son-
dern als eine dem ganzen deutschen Europa Gemeinsame. Ein vier-
ter Aufsatz, der was unmittelbar auf teutschem Boden sich von
ihr erhalten hat, entwickeln, und die Reihe dieser Untersuchungen
schließen sott, wird dies Resultat noch weiterhin bestättigerr."

> S e e l i e d.
Es schien der Mond gar Helle,
Die Sterne blinkten klar,
Es schliefen tief die Wetten,
Das Meer ganz stille war.
Ein Schifflein lag vor Anker,
Ein Schiffer trat herfür:
Ach wenn doch all mein Leiden
Hier tief versunken wär.
Mein Schifflein liegt vor Anker,
Hab keine Ladung drinn,
Ich lad ihm auf mein Leiden,
Und laß es fahren hin.
Und als er sich entrissen
Die Schmerzen mit Gewalt,
Da war sein Herz zerrissen,
Sein Leben war erkalt.
Die Leiden all schon schwimmen
Auf hohem Meere frey,
Da heben ste an zu fingen
Eine finst're Melodey»
Wir haben fest gesessen
In eines Mannes Brust,
Wo tapfer wir gestritten
Mit seines Lebens Lust.
Nun müssen wir hier irren
Im Schifflein hin und her;
Ein Sturm wird uns verschlingen,
Ein Ungeheuer im Meer.
Da mußten die Wellen erwachen
Bey diesem trüben Sang 5
Verschlangen still den Nachen
Mt allem Leiden bang.
loading ...