Zeitung für Einsiedler — Heidelberg, 1808

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Zutrauen in ihn setzt fein Eigentum zu beschützen/ es
ist vielen nicht recht/ doch vergißt sich das über dem
Abschied. Carl/ ein junger Ritter/ scheidet.schmerzlich
von Julie / die bey der Genovefa als Gesellschafterin
bleibt. Genovefa wünscht mitzuziehen/ aber Siegfried
erlaubt cs nicht. Siegfried überträgt dem Golo Ring
und Siegel und alle Gewalt. Heinrich/ ein schwatzhaf-
ter Arzt/ erheitert die Scheideseenen. Als alle fort sind/
prüft Golo sein inneres Wesen im Vorzimmer der Ge-
uovefa / er.liebt sie / aber er meint nicht/ daß er etwas
BöseS wolle; ein Kammermädchen bringt ihn auf einige
andere Gedanken von Genovefa/ sie kommt/ und in ih-
rer Güte und traurigen Hingebung wird er fast wider
seinen Willen vorlaut mit seiner Leidenschaft. Mathilde/
die heimliche Mutter Golos/ öffentlich seine Erzieherin/
entwickelt ihre Plane/ Herzogin von Schwaben zu wer-
den/ sie ist unzufrieden/ daß Golo zurückgeblieben/ sie
scheint eine Hausfreundin der Genovefa/ und reist zu
ihr. Ein Einsiedler/ eigentlich ihr versteckter Liebhaber/
Wallrod/ der ihretwegen seiner Familie entlaufen / wird
fortgewiesen und beschließt sich zu rächen. Den zweyten
Aufzug beschließt Golo mit dem Liede/ dessen herrliche Ent-
wickelung in Tiecks Genovefa uns entzückt / es macht den

Lcffen Nuhn» und Einwirkung erst die Nachwelt im ganzen
Umfange ermessen kann. Müller/ als Maler und Dichter
zugleich cigentlmmlich / ist besonders seinen Landsleuten ein
Herrliches Zeichen jener saturnischen Zeiten / el-e der Krieg
die Länder zerrissen/ die der Rhein Mit steten Lustreisen vcr-
, daud. Das Wohlleben jener Zeit / ihre Laune/ ihr Aufsire-
ten/ ihr Uebermnth und ihre Rundung zeigt sich vielleicht in
keinem/ außer Göthe/ so bestimmt wie in ihn,/ die Geschichte
der Pfalz hat noch ihre näheren Ansprüche/ denn kein Ge-
schichtschreiber hat diese Emofänglichkeit zum Wohlleben wie
er in seinen Idyllen gefühlt und dargestellt. Wer so wie
Müller/ und ich berufe mich auf das Zeugniß zahlreicher
Freunde/ alle die ibn irgend berührten mit Achtung und Be-
geisterung für Kunst erfüllte/ daß nach Jahren noch sein
Bild wie von einem alten Meister in frischen Farben glänzt/
wahrend die neueren ergrauten/ der bezeichnet auch ohne
Erwähnung in Literargeschjchten eine Periode/ es ist ein
fremdes Auge im Stamme/ aus dem wunderbare Früchte
wachsen müssen.
Sv hat auch seine Genovefa durch Ludwig Tieck schon
ihre Frucht indessen Genovefa getragen / so wie diese in den
Zeichnungen der beyden Riepenhaufen auch die bildende Kunst
angeregt hat. Tieck wollte Müllers ganzes Werk in der
Fortsetzung seines herrlichen poetischen Journals bekannt
machen/ als die unruhige Zeit alle Aufmerksamkeit zu dem
täglich wachsenden Lebensdrange hinzog. Die Verschieden-
heiten der Zeiten/ die Berührungen und Entwickelungen des
Geistes/ der in der Welt durchdringt/ und alles Entgegen-
gehende niederwirft/ zeigen sich/ wenn wir beyde Kunstwerke
auch nur einen Augenblick einander gegenüber stellen: die
neuere» .Anforderungen an Sprachherrlichkeit und strenges
Zeitmaaß und Zeitkostum in Ausdruck und Gesinnung/ fin-
den wir bey Tieck erfüllt / bey Müller finden wir durchweg
glückliche/ behagliche Zeit/ die sich selbst in der entferntesten
Zeit wiehsp ernennen / uns ihre Verhältnisse nn- Lebensarten

Eindruck/ wie die Mutter eines großen Menschen.
Wir theilen diese Scene (No. 1.^ mit. Golo ist jetzt
schon nachsichtiger gegen sich/ und fügt sich nur unwil-
lig dem Wunsche der Mutter / fortzuziehcn / die endlich
sogar-nachgiebt/ und aus Liebe zu ihm seine Sünde för-
dern will. Golo läßt vor dem Altane der Genovefa ein
Chor singen/ auch diese Scene theilen wir mit (N. II.)
Unterdessen will Wallrod aus Eifersucht Mathilden ver-
derben/ er ist zu schwach/ und wird von ihr mit Gci-
stesüberlegenheit bezwungen. Golo sucht in allerley
nachdenklichen Büchern Rettung auS der Leidenschaft/
Mathilde stört ihn darin / sie will alles zu einem be-
stimmten AuSgang bringen/ diese menschliche Lust er-
scheint in ihr schrecklich. Unterdessen ist Genovefa durch
Dragones gewarnt worden / der' ein Vertrauter des
Wallrod war/ es werden Wachen ausgestellt/ Golo er-
hält den Schlüssel zu Genovefas Zimmer durch die Mut-
ter. Zum Garten geht Genovefa/ Golo erklärt seine
Liebe / Dragones kommt dazu und wird von ihm ver-
wundet/ Golo entflieht/ und Mathilde/ die auch herzu-
eilte/ gicbt den Dragones / der da wachte/ den herbey-
eilendcn Wachen als Verführer an/ und Genovefa als
schuldig. Sie werden bewacht. Genoftva verachtet die

dahin übertragen mag, und wie die Zeit ernster geworden
ist, so finden wir bey Treck geistliche Erbauung vorwalten-,
bey Müller geistige Belustigung in Abwechselung des Tons.
Beyde haben Schakespeare gekannt und beyde anders ver-
standen, so daß man wohl endlich lernen mag, daß die all-
gemein Bewunderten nicht eben die Verständlichsten sind.
Deutschland ging in der Zwischenzeit durch eine philosophi-
sche Ausgleichung und durch eine fortschreitende gelehrte
Uebung; das deutsche Alterthum, dessen Kenntniß sich zu Mül-
lers Zeit auf einige Ritterausdrücke beschränkte, ist seit-
dem mit einer Energie durchsucht und ergriffen worden,
die nothwendig auch in der äußern Bildung des Volks künsi
tig Zeugniß ihrer Einwirkung ablegen wird. Hochherzig in
-er Uebersicht unsrer Literatur, wie sie so reichhaltig densel-
-en Sroff zweyfach ganz verschieden darstetten konnte, wäh-
rend die andern Volker sich mit der Erzählung begnügen
müssen, die auch in unserm Volsbuche viel schöner erscheint,
wenden wir uns mit einigem Eckel zn der wuthigen Heerde
im Morgenblatt, in die der Teufel gefahren, und furchten
uns besudelt zu werden von denen, die von Tieckscher Be-
* Ver- und Zerarbeitungj alter Gedichte reden, indem sie in
frecher Unwissenheit den König Rother in das Heldenbuch
setzen, ihn zerarbeitet meinen, während Treck fast nichts ver-
ändert hat, wie ihnen die Sprache sagen könnte l, dem
aber wohl das hohe Verdienst bleibt, dieses merkwürdige
handschriftliche Gedicht, beym Lautlefen durchaus allen ver-
ständlich, feinem Volke bekannt gemacht zu haben. Doch wis-
sen Wirschon aus dem Buche vom ausgelassenen, wütigen Ten«
selsheer Straßburg 1586, S. 828, daß viel Teufel den Elrr-
stedlern erscheinen, sind auch darauf gefaßt, und wenn wir
nicht fürchteten, daß mancher wegen solcher elenden Streitig-
keiten unser Blatt kaufen möchte, für den es nicht geschrie-
ben, so würden wir wie Thedel von Wallmoden mit dem
gehangenen Pfer-ebe-iebe uns einen abspnderlicheri Spa»
mit ihnen Mächen.
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