Zeitung für Einsiedler — Heidelberg, 1808

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den es von der Natur aller Dinge hegend ist/ und wie
es ihn mit seiner Religion verflicht/ die ihm ein unbe-
gräfliches Heiligthum erscheint voll Seligmachung.
Wiederum erklärt sein Gebrauch und seine Sitte,
welche hiernach genau eingerichtet worden sind, die Be-
schaffenheit seiner Sage und umgekehrt/ nirgends bleiben
unselige Lücken.
Wenn nun Poesie nichts anders ist und sagen kann,
als lebendige Erfassung und Durchgreifung des Lebens,
so darf man nicht erst fragen: ob durch die Sammlung
dieser Sagen ein Dienst für die Poesie geschehe. Denn
sie sind so gewiß und eigentlich selber Poesie, als der
Helle Himmel blau ist; und hoffentlich wirb die Ge-
schichte der Poesie noch ausführlich zu zeigen haben, daß
die sämmtlichen Ueberrestc unserer alldeutschen Poesie
bloß auf einen lebendigen Grund von Sagen gebaut
sind und der Maaßstab der Beurtheilung ihres eigenen
WerthS darauf gerichtet werden muß, ob sie diesem
Grund mehr oder weniger treulos geworden sind.
Auf der andern Seite, da die Geschichte das zu
thun hat, daß sie das Leben der Völker und ihre leben-
dige Thaten erzähle, so leuchtet es ein, wie sehr die
Traditionen auch ihr angehören. Diese Sagen sind
grünes Holz, frisches Gewässer und reiner Laut entge-
gen der Dürre, Lauheit und Verwirrung unserer Ge-
schichte, in welcher ohnedem zu viel politische Kunstgriffe
spielen, statt der freyen Kämpfe alter Nationen, und
welche man nicht auch durch Verkennung ihrer eigentli-
chen Bestimmung verderben sollte. Daö kritische Prin-
eip, welches in Wahrheit seit eS in unsere Geschichte
eingeführt worden, gewissermaßen den reinen Gegensatz
zu diesen Sagen gemacht, und sie mit Verachtung ver-
stoßen hat, bleibt an sich, obschon aus einer unrechten
Veranlassung schädlich ausgegangen, unbezweifelt; al-
lein, nicht zu sehen, daß es noch eine Wahrheit giebt,
außer den Urkunden, Diplomen und Chroniken, das ist
höchst unkritisch,*) und wenn die Geschichte ohne die
Menge der Zahlen und Namen leicht zu bewahren und
erhalten wäre, so könnten wir deren in so weit fast
entübrigt seyn. So lässig immer, wie bereits erwähnt
worden ist, die Sagen in allem Aeußcren erfunden wer-
den, so ist doch im Ganzen das innerste Leben, dessen es
bedarf; wenn die Wörter noch die rechten wären, so
mögte ich sagen: es ist Wahrheit in ihnen, ob auch die
Sicherheit abgeht. Sie mit dem gesammelten Geschichts-
vorrath in Vereinigung zu setzen, wird bloS bey wenigen

Ick führe mir Freuden an, was Joh. Mütter in even dem
Sinn gesagt hat: Buck l, Car. 1ö, Net, 2öt) Butt» 1,
Car. lv, Ner. lir>. Buch 4/ Cap. 4, Not. 22.

gelingen, also. Wie einerseits dieses Unternehmen un-
Nöthige Mühe und vergeblichen Eifer nach sich ziehe»
müßte, würde eö auf der andern Seite thörigt seyn,
die so mühsam und nicht ohne große Opfer errungene
Sicherheit unserer. Geschichte durch die Einmischung der
Unbestimmtheit der Sagen in Gefahr zu bringen. Aber
darum ist im Grund auch denjenigen nichts' an den Sa-
gen verloren, welche lebhaft und aufrichtig gefaßt ha-
ben, daß die Geschichte nichts anderes seyn solle, als
die Bcwahrerin alles' Herrlichen und Großen, was unter
dem menschlichen Geschlecht vergeht und seines Siegs
über das Schlechte und Unrechte, damit jeder einzelne
und ganze Völker sich an dem uncntwendbaren Schatz
erfreuen, berathen, trösten, ermuthigen, und ein Bey-
spiel holen. Wenn also, mit einem Wort, die Geschichte
weder andern Zweck noch Absicht haben soll, als welche
das Epos hat, so muß sie aus dieser Betrachtung aufhö-
ren, eine Dienerin zu seyn der Politik oder der Juris-
prudenz oder jeder andern Wissenschaft. Und daß wir
endlich diesen Vortheil erlangen, kann durch die Kennt«
Niß der Volkssagen erleichtert und mit der Zeit gewon-
nen werden.

Sagen von Glocken.

Es ist bekannt, in welcher heiligen Verehrung die
Glocken im ganzen Mittelalter standen, und welche
Feyerlichkciten mit ihnen begangen wurden. So stellte
man, wenn die Glocke getauft wurde, Gevattern, wel-
che das Seil halten und auf alles, was der Priester
die Glocke fragt, Amen sagen mußten. Alsdann be-
kleidete man sie mit einem neuen Rock, und beschwur
sie zur Vertreibung des Teufels und Wohlfahrt der ab-
geschiednen Seelen. Auch sind die Glocken so heilig,
daß man sie in einer gebannten Kirche und einem ge,
bannten Volk nicht läuten darf.

Die große Glocke zu St. Maria Magdalena in
Breslau, gehet fünfzig Schlag von selbst wenn man
vorher fünfzig Schläg gezogen hat, und allen armen
Sündern, wenn sie vom Nathhaus herunter kommen,
wird damit geläutet. Davon ist folgende Sage:
Als' der Gießer die Glocke gießen sollen, geschah
es, daß er zuvor zum Essen gehen wollte, befahl aber
dem Lehrjungen bey Leib und Leben, den Hahn am
Schmclzkcssel nicht anzurührcn. Allein dieser konnte
seinen Vorwitz nicht länger bezähmen und wollte versu-
chen, wie cs auSsähe, darüber siel ihm der Hahn wider
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