Heidelberger Volksblatt — 7.1874

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berühmten Männer nicht wenig erfreut, und es gab
der akademiſche Senat ihnen zu Ehren ein ſolennes
Mittagseſſen in dem renomirteſten Gaſthauſe der Stadt,
an welchem alle Profeſſoren mit ihren Frauen und er-
wachſenen Töchtern theilnahmen; denn man wußte, daß
Goethe ein Freund von Dameageſellſchaft war. Bei
der Tafel - wo Goethe zur Rechten des Protektors
und Wolf dieſem gegenüber ſaß - nahte ſich, in Folge
einer Verabredung, eines der ſchönſten Mädchen aus
der Stadt, die Tochter des Profeſſors W., unbemerkt
Goethe und ſetzte ihm einen Lobeerkranz auf den Kopf.
Kaum fühlte der (damals im fünfzigſten Lebensjahre
ſtehende) Dichter den Kranz, als er mit einer raſchen
Wendung die reizende Geberin ergriff, ſeinen Arm um
ſie ſchlang und ihr mit den Worten: "Das kommt mir
von ſchöner Hand!" einen herzhaften Kuß auf die Lip-
pen drückte. - Zur uämlichen Zeit hatte ſich die nicht
minder hübſche Tochter des Profeſſors B. in gleicher
Weiſe Wolf genähert, um ihm auf dieſelbe Art die
Huldigung der Geſellſchaft darzubringen. Unglückli-
cher Weiſe war der für dieſen beſtimmte Kranz zu
weit und fiel auf die Naſe des Gefeierten herab.
Wolf, darob ſehr ungehalten, riß mit großer Heftigkeit
den Kranz vom Geſichte und gab ihn dem aufwartenden
Diener mit der Weiſung, ihn zum Fenſter hinaus zu
werfen, dadurch die ſich beſchämt zurückziehende Spen-
derin in die peinlichſte Verlegenheit bringend. Goethe,
welcher der ſehr undelikaten Handlungsweiſe ſeines
Freundes mißbilligend zugeſehen, rief ihm jetzt unwil-
lig zu: "Wolf! Wolf! Wie alt biſt Du geworden!"

Dame in dieſem Nebenzimmer etwas einzuwenden ge-
habt. Fräulein von Altheim horchte aufmerkſam.
"Sie hatten Beſuch, Conſtanze!" ſagte Paul, ſo-
bald Fräulein von Altheim das Zimmer verlaſſen
hatte.
"Ja", war die kurze Antwort der Gräfin. -
"Und wer war es, wenn ich fragen darf?" fuhr
Paul in ſcharfem Tone fort.
Die Gräfin blickte auf, ein kalter Strahl des Stol-
zes traf den neben ihr ſtehenden jungen Mann.
"Welch' ein Recht haben Sie, in ſolchem Tone mich
zu fragen, Herr Gruber?" entgegnete fie mit ſtolz auf-
geworfenen Lippen.
"Welch' ein Recht? Das Recht der Liebe, der Liebe,
die Sie mir geſchworen" -
Um der Gräfin Lippen zuckte ein höhniſches Lä-
cheln. -
"Die Liebe giebt Jhnen noch nicht das Recht, Ty-
rannei gegen mich zu üben - ich bin derſelben längſt
müde!" -
Die Gräfin ſtand auf und trat mit gerunzelter
Stirn an's Fenſter.
Paul's Augen folgten ihr mit ſchmerzlicher Bewe-
gung, Liebe und Eiferſucht kämpften in ihm. Mit Leib
und Seele gehörte er dieſer Frau, ſein ganzes Sein
ging in dem ihren unter - und ſie? fühlte er nicht
von Tage zu Tage mehr, wie bei ihr die Gluth der
erſten Leidenſchaft abnahm. - Ach, und ſie war ihm
Alles, er fühlte, daß ohne ſie ihm das Leben unerträg-
lich ſein mußte. Nur bei ihr fühlte er Ruhe, nur bei
ihr konnte er - vergeſſen. - Wie ſchreckhafte Ge-
ſpenſter verfolgten ihn die Erinnerungen an frühere
Tage. - Er hatte ſie alle - begraben und auf dem
Grabe die Blumen der Liebesluſt und Wonne ſprießen
laſſen - und das Alles für ſie, für ſie - und jetzt
wandte ſie ſich kühl von ihm, nannte ihn tyranniſch,
unerträglich! - Heftige Worte waren ihm auf die
Lippen geſtiegen, aber er hatte ſie raſch wieder nieder-
gedrückt. - Wenn er ſie noch mehr erzürnte! - Fühlte
er ſich doch unfähig, ihren Zorn zu ertragen. -
(Fortſetzung folgt.

ſEiſen produzierende Jnſekten.1 Daß ge-
wiſſe Arten von Jnſekten ſpinnen und Zellen bauen,
iſt ſchon längere Zeit bekannt; daß es aber auch Ei-
ſen fabrizirende Jnſekten gibt, hat erſt vor Kurzem
der ſchwediſche Naturforſcher Profeſſor Sjorgen entdeckt.
Es ſind dies äußerſt kleine, beinahe mikroſkopiſche Ge-
ſchöpfe, kaum halb ſo groß wie ein Floh, welche in
großen Schaaren im Jnnern der dichten Wälder der
ſchwediſchen Provinz Smaland, beſonders des Läns
Jonköping, leben und, wie die Seitenraupe, Cocons
ſpinnen, welche eigenthümlicher Weiſe ſehr eiſenhaltig
ſind. Die Cocons liegen in Haufen übereinander und
bilden unter dem Namen "Lakeore" ſchon ſeit länge-
rer Zeit im ſüdlichen Schweden bekanntes Eiſenerz, von
welchem man bisher nur nicht wußte, wie es entſtan-
den? Die Lager dieſes Erzes haben gemeinhin eine
Länge von 30 - 40 Meter und eine Mächtigkeit von
einem Viertel bis einem halben Meter; doch kommen
auch Lager von 60 Meter Länge und 70 -80 Centi-
meter Mächtigkeit vor.

Mannichfaltiges.

Aus Goethe's Leben.1 Am Schluſſe des vo-
rigen Jahrhunderts ſtattete Goethe der Stadt Helm-
ſtedt in Braunſchweig einen Beſuch ab: weniger, um
dieſe und die damalige Univerſität kennen zu lernen,
als vielmehr um die mancherlei Sammlungen des dort
lebenden gelehrten Charlatans, Profeſſor Beireis, in
Augenſchein zu nehmen. Auf dieſer Reiſe begleitete
ihn ſein vertrauter Freund, der neun Jahre jüngere,
als Philolog und Alterthumsforſcher hohen Rufes ge-
nießende, Profeſſor Friedrich Auguſt Wolf aus Halle.
Jn Helmſtedt war man über den Beſuch der beiden

Ein origineller Gevatterbrief.1 Den 25.
Oktober 1569 lud Kurfürſt Auguſt von Sachſen den da-
maligen Superintendent Daniel Greſer zum Taufzeu-
gen ſeines 7. Kindes, des Prinzen Auguſt, ein und
fügte dem Gevatterbrief folgende Worte bei: "mache
Er ſich aber gar keine Ungelegenheit und binde Er nicht
über einen rheiniſchen Goldgülden ein."
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