Heidelberger Volksblatt — 7.1874

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eidelberger
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Polksblatt.

Nr. 13.

Samſtag, den 14. Februar 1874.

7. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt beim Verleger, Schiffgaſſe 4,
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten

Die Freunde der Kaiſerin.

Hiſtoriſche Skizze von Th. Juſtus.

(Fortſetzung.)

abwenden wollen. Nur das Eine ſagen Sie mir:
haben Sie Anzeichen, daß der Kaiſer ſeine Pläne in
Bezug auf Eliſabeth Romanowna verfolgt?"
"Majeſtät, der Kaiſer richtete nur enmal, bei ei-
ner zufälligen Begegnung einige finſtere und drohende
Worte an mich, daß ich beſſer thue, Frieden mit ihm
zu ſuchen, ſtatt beſtändig auf eine Durchkreuzung ſeiner
Pläne auszugehen."
"Und ihre Antwort, Fürſtin?"
"Jch gab mir den Anſchein, Majeſtät, als ob mir
ſeine Worte unverſtändlich ſeien. Was konnte ich Beſ-
ſeres ihun? Uebrigens haben wir, wenn nicht alle An-
zeichen trügen, für den Augenblick nichts von dem Kai-
ſer zu fürchten, da ſeine militäriſchen Pläne und Lieb-
habereien ihn dergeſtalt in Anſpruch nehmen, daß er
vorläufig nach dieſer Richtung hin vollauf Beſchäfti-
gung hat."
Der Eintritt einer Hofdame beendete das Geſpräch
und nur einmal noch im Verlaufe des kurzen Beiſam-
menſeins fand die Fürſtin Gelegenheit, der Kaiſerin
zuzuflüſtern: "Majeſtät, keinen Tag, keine Stunde ſind
Jhre Freunde müſſig. Vertrauen Sie Jhrem guten
Stern!" Katharina neigte leicht das Haupt zum Zei-
chen des Verſtändnſſes, knüpfte dann aber im gleichen
Augenblick eine ſcherzende Unterhaltung mit einer der
übrigen Damen an, bei weicher Niemand hätte ahnen
können, wie ſchwere und ſorgenvolle Gedanken ſich in
dem Geiſte der Czarewna wälzten.
Das Leben am Hofe, nach außen hin ſtill wegen
der durch den Anſtand gebotenen Trauerzeit, geſtaltete
im engeren Kreiſe ſich unerquicklicher, als je. Der
Kaiſer, weit entfernt, ſich der Regierungsgeſchäfte an-
zunehmen, betrieb mtt unermüdlichem Eifer ſeine kindi-
ſchen Soldatenſpielereien mit ſeinen holſteiniſchen Trup-
pen und die Dreſſur ſeiner Jagdhunde. Die Kaiſerin
verbrachte den größten Theil ihrer Zeit in ihren Ge-
mächern, mit Lektüre oder mit Schreiben beſchäftigt,
ſcheinbar ruhig und unbekümmers den Dingen ihren
Lauf laſſend, in Wahrheit aber mit geſpannteſter Auf-
merkſamkeit jedes Symptom einer ſich etwa anbahnen-
den Veränderung verfolgend. Ein raſcher Fußtritt,
das ungeſtüme Oeffnen oder Schließen einer Thür
konnte ihren Herzſchlag ſtocken machen - war es doch
immerhin möglich, daß durch dieſe unbedeutenden Vor-
zeichen ſich irgend ein entſcheidender Schlag ankündigte!
- Unter den Angehörigen des Hofes gab es kaum zwei,
die nicht mit argwöhniſchen und mißtrauiſchen Blicken
einander betrachtet hätten. Selbſtredend ſuchte unter

Am 25. December, dem erſten Weinachtsfeſte, hauchte
die Czarewna Eliſabeth ihren letzten Athemzug aus.
Sie hatte als Kaiſerin niemals hervorragende Regen-
teneigenſchaften entwickelt, dennoch waren ihr das Volk
und die Truppen geneigt, weil man in ihr vor allem
die Tochter ihres großen Vaters - Peter's 1. - er-
blickte. Ein dumpfer Druck legte ſich jetzt mit ihrem
Ableben auf die Gemüther. Schweigend und finſter
defilirten die Jsmaelow'ſchen und Preobraſchenski'ſchen
Garden vor der Front des Winterpalaſtes und kein
Zuruf grüßte den Großfürſten, nunmehrigen Czaren
Peter JJJ., der, an einem der Fenſter ſtehend, den
Vorbeimarſch der Truppen beobachtete. Die Erbfolge
dieſes holſteiniſchen Prinzen, des Neffen der Kaiſerin
Eliſabeth, war vom Volke nie mit günſtigen Augen
angeſehen worden. Man wußte nur zu wohl, wie er
bei jeder Gelegenheit ſeine Vorliebe für das Land ſei-
ner Geburt betonte und es war Grund genug zu der
Befürchtung daß eine der erſten Regierungshandlungen
Peters's JJJ. eine Kriegserklärung gegen Dänemark ſein
werde, beſtimmt, den Anſpruch auf verſchiedene Beſitz-
titel im Holſteiniſchen zur Geltung zu bringen.
Noch während der Leichnam der verſtorbenen Kai-
ſerin auf dem Paradebette lag, bewacht von den vor-
nehmſten Damen des Hofes, begann Peter, der aus
ſeiner Begeiſterung für den großen Preußerkönig auch
zu Lebzeiten ſeiner Tante, bekanntlich einer Gegnerin
Friedrich's JJ., niemahls ein Hehl gemacht, ſeine Trup-
pen nicht nur, ſondern ſeine ganze Umgebung nach
preußiſchem Muſter zu uniformiren, ein Vorgehen,
welches unter jenen ein dumpfes Grollen hervorrief,
während die Höflinge ſich eilends, wenn auch unter
geheimem Zähneknirſchen, in die ſtraffe, preußiſche Uni-
form hineinbequemten, in der ſich freilich die älteren
unter ihnen wunderlich genug ausnahmen.
Die Kaiſerin mittlerweile verließ während der er-
ſten Trauerzeit kaum ihre Gemächer. Selbſt die Für-
ſtin Daſchkow erhielt nur wenige Male Zutritt bei ihr.
"Es iſt beſſer ſo mein Liebling!" flüſterte jene ihr
einmal raſch und heimlich zu. "Sähe man Sie zu oft
bei mir, ſo würde nur beſchleunigt werden, was wir
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