Oechelhäuser, Adolf von; Kraus, Franz Xaver [Editor]
Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden (Band 4,2): Die Kunstdenkmäler des Amtsbezirks Tauberbischofsheim (Kreis Mosbach) — Freiburg i.Br., 1898

Page: 171
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AMT TAUJ3ERBISCH0FSHEIM.

TAUBERBISCHOFSHEIM.

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entstanden, nicht einem einheitlichen Plane entsprungen sein können, eine Wahrneh-
mung, die durch den technischen Befund (Mangel an Verband und Todtlaufen der
Gesimse beider Theile an den betr. Anschlussstellen) durchaus bestätigt wird. Für die
Frage nach der Priorität ist sodann vor Allem der Umstand entscheidend, dass an der
nur zum Theil durch den Thurm verdeckten Nordostecke des Chores keine Spur eines
schräg gestellten Strebepfeilers vorhanden ist, wie solcher an der Südostecke empor-
steigt. Der Thurm hat hier also von vornherein die Stelle eines Strebepfeilers ersetzt.
Ausserdem sind aber auch die Formen des kleinen gothischen Schlitz-Fensters im Unter-
geschosse des Thurmes offenbar älter als die der Chorfenster, und schliesslich erscheint das
an den Thurm anstossende Gewände nicht schräg, sondern rechtwinkelig nach vorn geführt.
Wäre der Thurm später angebaut, so würde man weder das Fenster aus der Mitte ver-
rückt, noch das nördliche Gewände des letzteren rechtwinklig gestaltet, sondern den
Thurm einfach entsprechend weiter nördlich gestellt haben. Letzterer stellt somit in

F'S- S°- Taüberbischofsheini. Grundrhs der Stadtkirche.

seinen untern Theilen den einzigen Ueberrest einer vielleicht bald nach Erwerbung
der Stadtrechte gegen Ende des XTH. Jhs. (erste urkundliche Erwähnung der Pfarrei 1317
s. oben S. 157) erbauten älteren Kirche dar, an deren Stelle etwa 100 Jahre später der
jetzige Bau getreten ist. Immerhin bleibt das Räthsel ungelöst, welche Stellung der Thurm
zu dem ursprünglich geplanten Chor eingenommen haben mag; eine Anordnung vor dem
Chorhaupte ist jedenfalls sehr ungewöhnlich.

Die Formen des grossen viergetheilten Masswerkfensters hinter dem Hochaltar,
die Art der Wölbung, die Profilirung der Rippen, sowie die Behandlung des Ornamentalen
an den Konsolen und Schlusssteinen des Chores verweisen die Entstehung desselben in
die Spätzeit des Stiles, etwa den Beginn des XV. Jhs. Für die gleichzeitige Entstehung
des Langhauses sprechen sowohl die Formen der vier in Folge eines späteren Umbaues
vermauerten Fenster oben in der nördlichen Mittelschiffsmauer, als auch die gothischen
Kämpfergesimse der schwerfälligen Arkadenpfeiler trotz der vorhandenen Rundbögen.
Die Jahreszahl 1448 an dem steinernen Sakramentshäuschen (s. unten) mag etwa die
Vollendung dieser zweiten (oder wenn man, wohl mit Recht, das Vorausgehen einer
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