Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 17.1902

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ARNOLD BOCKLIN
Bei Anlass von Schicks Tagebuch
Von Heinrich Wölfflin
(Nachdruck verboten)
Als Böcklin starb, ist wohl gefragt worden, glaub' ich, Eckermann Unrecht; allein er ist
ob er denn keine Schule hinterlasse, interessant genug gewesen, um Böcklin zurMit-
und man hat allzu schnell geantwortet, das teilung seiner Kunsterfahrungen zu bewegen,
wäre unmöglich bei einer Kunst wie der Als die beiden sich trafen (in Rom), war
seinigen, die so ganz bedingt sei von einer Schick fünfundzwanzig, Böcklin fast vierzig,
bestimmten Individualität. Von einer Schule Es war im Jahr 186(5, die Periode, wo die
kann man allerdings nicht sprechen, höchstens „Villa am Meer" gemalt wurde, der,,Daphnis"
von einzelnen Schülern — der ihm innerlich bei Schack, die „Viola" im Basler Museum,
am nächsten stand, Sandreuter, ist nun auch Vor allem ist ausführlich von dem „Petrarca"
tot —, aber es ist falsch zu meinen, Böcklin die Rede, der sich in Basler Privatbesitz be-
hätte als Lehrer nichts geben können. Im findet. Nachher war Schick auch in Basel bei
Gegenteil. Er war ein ausgezeichneter Lehrer Böcklin, als die Fresken im Museum und in
und zwar darum, weil er sich selbst beständig der Sarasinschen Gartenhalle gemalt wurden
in die Schule nahm. Weil er nie mit der (1868 69) und neben andern Tafelbildern die
Improvisation, mit dem ersten Ausdrucke sich Dresdner „Wiesenquelle" und die erste „Ana-
begnügte, sondern den Bildgedanken so lang dyomene" (bei Heyl) entstanden,
verfolgte und durch alle möglichen Wand- * * *
lungen durchtrieb, bis er ganz
klar dastand und so deutlich
sprach, als er sollte. Er hielt
nichts auf Malerregeln, aber bei
jeder Wirkung fragte er nach dem
„Warum?" und überall hat ersieh
bemüht, seine Erkenntnisse auf
einen allgemeinen Ausdruck zu
bringen. Der sonst so wortkarg
sein konnte, in Sachen der Kunst
war er es nie. Während der Ar-
beit, angesichts eines bestimmten
Falles sprach er gern über das,
was gut und was verfehlt sei, und
über die Mittel, wie man den
Fehler korrigieren könne. Es ist
ein Glücksfall ohnegleichen, dass
dieser Meister, der so gut sprach,
auch einmal einen Schüler gehabt
hat, der nicht nur gut hörte, son-
dern mit grösster Gewissenhaftig-
keit jedes Wort niedergeschrieben
hat. Das Schicksche Tagebuch ge-
hört zu den lehrreichsten Büchern,
die über Kunst je gedruckt worden
sind. Und dabei ist es ein be-
sondrer Vorteil, dass der Schreiber
nicht an das Drucken gedacht hat.
Seine Aufzeichnungen machen den
Eindruck absoluterTreue. Mit der
gleichen Sorgfalt notiert er: Böck-
lin fand, ich sei langweilig, wie er
ein paar neue Rezepte für Fixative
festhält. Wenn man ihn mit Ecker- arnold böcklin pan im schilpe (1855/58)
mann vergleicht, so thut man, (oas Original in der Kgl. Neuen Pinakothek zu München)


Die Kunst für Alle XVII. i. i. Oktober igoi.

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