Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 17.1902

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BERLINER KONSERVATIVE MALEREI

(GROSSE AUSSTELLUNG 1902)

l.
Die vielen Kontraste im neudeutschen Kunst-
schaffen lassen sich kurz summieren unter
dem Hauptgegensatz: national oder interna-
tional? Eben diese Grunddifferenz spaltet das
Berliner Kunstleben in seine bekannten zwei
Lager. Der in der „Secession" abgesprengte
Flügel der Berliner Malerei fusst, nach seiner
Gesinnung und Schulung und kunsthändleri-
schen Aktion, auf Internationalität. Dagegen
gründen sich die konservativen Elemente der
Berliner Kunst, ihrer Tradition und ihrem
Grundgehalt nach, vorwiegend auf Nationa-
lität. Fast jede Kunstblüte erwuchs aus Natio-
nalität: und der Wert dieses Prinzips leidet
nicht, selbst wenn der Wert der entsprechenden
Leistungen zeitweilig hinter ihm zurückbleibt.
Die Stärke der eingesessenen Berliner Malerei
ist ihr lokaler Charakter — dies Wort im
weitesten Sinne genommen.
Echte Lokalkunst braucht nicht das Volk
erst zu ködern; sie wurzelt im Volke. Sie
entspringt und entspricht dem genius loci.
Die Münchener Malerei ist temperamentvoll,
die Berliner rationell. Preussen hat als Staat
den Charakter einer „Militärgrenze"; und
auch seine Kunst ist in der Hauptsache an
diesen Charakter gebunden. Die gute Preussen-
kunst war nie modischer, sondern stets histo-
rischer und volkstümlicher Art. Man könnte
sie eine Heimatkunst der Geschichte nennen.
Sie fluktuiert nicht, sie ist stabil. Sie dient
der Ueberlieferung; sie fügt sich der Archi-
tektur an; sie strebt der Monumentalität zu.
Sie ist wie auf Granit gebaut. Sie verkör-
pert die preussische Präzision und Schlag-
kraft. Revolution und Revolutionäres liebt
sie nicht; Evolution und Evolutionäres meidet
sie nicht. Sie hat Portepeegeist — sowohl
in der Plastik wie Malerei.
Die charaktervolle Preussenmalerei schei-
det sich scharf von der seelenvollen süd-
wie der saftvollen niederdeutschen Kunstart.
Gleichwohl steht sie einem künstlerischen
Süddeutschen innerlich nahe: der Zeichen-
stift eines Dürer scheint bei der neupreussi-
schen Malkunst Gevatter gestanden zu haben.
Die harte und doch feine Technik des grossen
Nürnbergers, seine kühle mitteldeutsche
Realität, sein strenges Aufreissen und geist-
volles Formulieren ist in mehreren preussi-
schen Malern fortgesetzt. Eine meisterhafte
Anwendung besten Dürerschen Kunstgeistes

auf einen altpreussischen Vorwurf findet sich
in dem festgeschnittenen Porträtkopf des
Markgrafen Georg von Brandenburg aus
Cranachs Hand. Auch die gewichtigen
Herrscherköpfe Schlüters führen aus künst-
lerischem Klassizismus zu gesund preussi-
schem Lokalismus hinüber. Der märkische
Sand selbst blieb lange steril, bis in Chodo-
wiecki ein original-preussischer Künstler auf-
tauchte. Die klare Formulierung eines exakten
Kunststils zu Berlin aber finden erst die
beiden Bildhauer Schadow und Rauch. Ihre
klassischen Statuen des alten Fritz und seiner
Paladine, Blüchers und seiner Waffenbrüder,
sind preussisch bis ins Mark hinein. Auf
den alten korrekten Krüger, der den Preussen-
geist etwas karikiert, folgt die geniale Ver-
körperung des historischen Borussengeistes an
sich. Menzel's eiserne, oft etwas eisige, aber
immer preussisch-durchschlagende Malerei be-
gleitet Bismarcks eiserne Zeit. Menzel hat
heimatliches Salz und heimatliche Seele. Diese
malerische Zentralsonne umkreisen wieder
kleinere Planeten und Meteorschwärme. Sie
alle gravitieren nach dem Prinzip von zweierlei
Tuch. Sie sind ein künstlerisches „Volk in
Waffen".
Die hier skizzierte Kunstrichtung ist seit
hundert Jahren durch und durch Eigenbau.
Sie schielte nicht über die Landesgrenzen;
sie verkörperte und glorifizierte eigenes
Heldentum. Sie fand hiefür eine feste, nur
ihr gegebene Niederschrift. Sie schuf ein
künstlerisches homerule.
Auch in Anton von Werner's besten
Werken steckt wahrer Geschichtsgeist, präg-
nante Durchdringung des Realen, neben ge-
diegener Präzision. Seine Historienmalerei
ist der trockenen, nüchternen, aber für
Preussen grundlegenden Gamaschenpolitik
Friedrich Wilhelms L, der selber mit Vorliebe
malte, verwandt. Auch Werner könnte auf
seine Werke schreiben: „pinxit in doloribus"
— criticorum; aber auch auf ihn könnte
noch einmal eine fridericianische Aera —
der preussischen Malerei — folgen.
Neben dem gewitzigsten sei hier gleich der
künstlerisch gewandteste Akademiedirektor
Preussens genannt: Dettmann, durch dessen
Berufung nach Königsberg sich ein Akt ge-
sunder heutiger Kunstpolitik vollzog. Frucht-
barkeit und Frische zeigt Dettmann als Mal-
poet der Ostsee, höhere Bedeutung aber in

Die Kunst für Alle,XVII. 2?. 15. August 1902.

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