Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 17.1902

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DIE WERKE ARNOLD BÖCKLINS

IN DER KGL. NATIONALGALERIE ZU BERLIN
Von Hugo von Tschudi
(Schluss von Seite 206)

In wenigen Bildern ist es Böcklin gelungen,
die Figur so völlig zum Träger der land-
schaftlichen Stimmung zu machen wie in der
„Meeresbrandung" (Abb. IX. Jahrg. H. 2). Sie
wurde 1879 gemalt und ging aus Anregungen
hervor, die dem Meister an der ligurischen
Küste verlebte Sommermonate boten. In der
Spalte einer steil aus dem Meer aufsteigenden
Felswand steht ein Weib. Ihr Gewand, das
wie Perlmutter schimmert, hängt nass um
Hüfte und Beine. Sie achtet nicht der Welle,
die sie Übergossen hat und nun rauschend
über die glattpolierten Klippen abfliesst. Sie
horcht hinaus in die weite Ferne, aus der
eine neue Woge brausend -heranstürmt und
mit einem Griff in die Harfe begleitet sie
die Musik der Elemente. Oder vielmehr, sie
ist selbst die Personifikation dieses wilden
Tönens der Felsen unter dem Anprall der
Brandung. Kein Geschöpf klügelnden Ver-
standes spricht sie auch unmittelbar zu unseren
Sinnen. In der Anschauung enthüllt sich ihr
ganzes Wesen. Die poetischesten Worte geben
nur ein trockenes Symbol. Vor dem Bild
überlegt man keinen Augenblick, was dieses
harfenspielende Weib zu bedeuten hat, ihre
Erscheinung setzt sich ohne weiteres in die
Stimmung des brausenden und dröhnenden
Meeres um. Auf dieses Bild muss man ver-
weisen, um darzuthun, wie wenig litterarisch
Böcklins Kunst ist oder doch sein kann, denn
in diesem Masse ist sie es allerdings nicht
immer. Man wird bemerken, dass auch hier
die Figur durch den Ausdruck des gespannten
Hinaushorchens rein gegenständlich für die
Erweckung des Raumgefühls herangezogen ist.
Ganz Böcklinisch ist dann, wie in demselben
Sinne fast als Andeutung nur und doch in
entscheidender Weise das plötzliche Zurück-
weichen der Felswand wirkt, das den Blick
auf den kleinen Ausschnitt des Himmels führt,
von dem man den Eindruck gewinnt, dass
er sich über die Unendlichkeit des Meeres
wölbt. Das Kolorit ist tief, aber ohne starke
Farben, von einer nicht gewöhnlichen Har-
monie brauner, grauer, violetter und blauer
Töne, aus der leuchtend die Nacktheit des
weiblichen Körpers hervortritt.
Von allen Bildern Böcklins in der National-
galerie ist das populärste der „Eremit" (Abb.

IX. Jahrg. H. 2). Es ist dasjenige, das am
meisten durch seinen Inhalt wirkt, einen ge-
fühlvoll humoristischen Inhalt. Er Hesse sich
in Worten wiedergeben, ohne dass er viel von
seinem poetischen Reiz einbüsste. Wie der


EUGENE BURNAND del.
alte Einsiedler seine Morgenandacht verrichtet,
indem er dem Madönnchen in der blumen-
geschmückten Wandnische seiner Zelle auf der
Fiedel vorspielt, wie, durch die frommen Töne
angelockt, übermütige Englein aus dem Him-
mel niedersteigen und Beifall klatschen, man
könnte sich denken, es wäre die Illustration
zu einer Legende, die Meister Gottfried er-
zählt hat. Doch verstand es der Maler, die
poetische Stimmung dieses Vorwurfs durch
diskrete und feine koloristische Mittel zu
steigern. Eine fast nur andeutende, etwas
unkörperliche Behandlung entrückt die Vor-
gänge in eine Sphäre lieblichen Wunder-
glaubens. Aus weichen grauen und violetten
Tönen ist die Dämmerung gewebt, die nur
durch einen matten Lichtstreif aufgehellt wird,

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