Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 17.1902

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PAUL TROU BETZKOY

ENTWURF EINES DENKMALS
FÜR CZAR ALEXANDER III. «

WAS IST
Von Konrad L
Diese Frage ist so oft aufgeworfen und so
verschieden beantwortet worden, dass es
fast aussichtslos erscheinen könnte, eine all-
gemeingültige Antwort darauf zu finden. Und
doch ist das Problem ein ganz einfaches,
lediglich logisches, bei dem es nur darauf
ankommt, alle Arten von Kunstäusserungen
nebeneinander zu stellen und zu fragen, was
sie denn eigentlich mit einander gemein haben.
Das thun aber die meisten Menschen, die
über Kunst nachdenken, nicht, sondern sie
bilden sich nach ihrer persönlichen Erfahrung,
meistens auf Grund eines ganz einseitig aus-
gewählten Materials, eine Vorstellung von den
Aufgaben der Kunst, einen sei es religiösen,
sei es metaphysischen, sei es sozialen Begriff
„Kunst", und in diesen suchen sie nun mit
Gewalt alles hineinzustopfen, was auf den
Namen Kunst Anspruch macht. Passt es
hinein: gut, so ist die Theorie bestätigt; passt
es nicht hinein, nun so ist es eben keine „wahre
und echte Kunst". Auf diese Weise entstehen
dann die sogenannten ästhetischen Systeme,
die regelmässig durch die thatsächliche Kunst-

KUNST?
nge (Tübingen)
(Nachdruck verboten)
entwicklung überholt werden und deshalb
längst in Misskredit gekommen sind. Aber die
historische Entwicklung mag noch so oft über
diese Systeme hinwegschreiten, das ficht ihre
Urheber nicht an. Sie bleiben dabei, dass die
Kunst so und nicht anders sein „soll", und
wenn sie ihnen den Gefallen nun einmal nicht
thun will, so ziehen sie sich schmollend zu-
rück und warten darauf, bis wieder die echte,
die wahre Kunst ans Tageslicht kommt, d. h.
diejenige, die ihnen persönlich behagt.
Diese Gedanken traten mir wieder einmal
besonders nahe, als ich die Schrift des
Grafen Leo Tolstoj: „Was ist Kunst?" las.
Einer der grössten Romandichter der Gegen-
wart, der Verfasser von „Krieg und Frieden",
„Anna Karenina", der wunderbaren russi-
schen Märchen und Volksgeschichten tritt
vor das gebildete Publikum hin und sagt
ihm: „Das, was du bisher für Kunst ge-
halten hast, ist gar keine Kunst. All die
Shakespeare, Goethe, Beethoven, Wagner,
die du für Künstler hältst, sind miss-
geleitete, in der Irre tappende Individuen

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