Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 17.1902

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~^Ö> PERSONAL- UND ATELIER-NACHRICHTEN <ö^~



enthälr. Erst durch den Vergleich der ins Profil
gestellten Büste mit den Profilzeichnungen wird klar,
wie stark der Bildhauer stilisiert hat. Auf den
Zeichnungen, besonders auf der Liebermanns, be-
steht der ganze linke Kontur aus geraden, winkelig
auf einander stossenden Linien; bei Hildebrand
sind die einzelnen Gesichtsteile zwar sehr aus-
drucksvoll von einander abgesetzt, ihr Umriss aber
besteht aus lauter sanften Schwingungen. Und voll-
ends der Schädel! Bei den Zeichnern hat er die
Begrenzung einer sehr unregelmässigen Vieleck-
hälfte, während der Bildhauer ihn sozusagen aus
dem Kreise konstruiert hat. Alles ist gerundet, ge-
mildert, verallgemeinert, und es ist ein starkes
Zeugnis für die Grösse seiner Kunst, dass ihm bei
dieser Uebersetzung des Naturvorbildes in seinem
persönlichen, monumentalen Stil die Aehnlichkeit
nicht verloren gegangen ist. Hildebrands Bode-Büste
giebt uns das Dauernde des Mannes, seinen Wesens-
inhalt: Den Organisator mit den weitdringenden
Augen, die das Feld sicher beherrschen. E. P.
PERSONAL- UND
BASEL. Ueber Böcklin wird im > Basler Jahrbuch«
- ,______..........für 1902 (Verlag von R.Reich, Basel) gesprochen.
Dort sind nämlich auf zwanzig Seiten „Erinne-
STRASSBURG. Ein neues Werk rungen an Arnold Böcklin nach Tagebuchnotizen
Adolf Hildebrands. In der kur- eines Studenten" gedruckt. Dieser Student war
zen Frist zweier Jahrzehnte hat Wil- Arnold von Salis, heute erster Pfarrer am Basler
heim Bode der Stadt Strassburg für Münster. Er hat mit Böcklin in den Jahren 1869—70
ihre in der Nacht vom 26. zum dann und wann verkehrt und hat manches von ihm
27. September 1870 verbrannte Ge- erfahren, was ihm der Aufzeichnung wert schien:
mäldesammlung — es war, von nicht nur über Kunst, sondern auch über anderes,
wenigen Ausnahmen abgesehen, eine über Musik und Dichtung, ja sogar über philosophische
w volz Galerie guter Namen und schlechter Dinge hat Böcklin mit dem jungen Manne gesprochen.
Tischkarte Bilder — einen Ersatz geschaffen,' >Ihm ist die Welt ewig«, heisst es am 27. Juli 1870,
der das Untergangene an Wert >ewig wechselnd; alle Existenzen sind Eigenschaften
um ein Vielfaches übertrifft. Ihm desselben Prinzips, das man Gott nennen mag, oder
dafür zu danken, beschloss der Gemeinderat, durch Kraft, oder Geist. Ich wandte ein: die entgegen-
Adolf Hildebrand seine Büste anfertigen und gesetzten Existenzen, Böse und Gute, könnten
im Museum aufstellen zu lassen. Das Werk ist doch nicht wohl Eigenschaften desselben Wesens
nun vollendet, und der Künstler selbst hat ihm an sein. Er behauptete dagegen: die Kräfte, welche
der Ostwand eines Oberlichtsaales zwischen grossen solche verschiedene Existenzen beherrschen oder
Bildern den Platz gewiesen. Es steht genau in bilden, seien freilich nur verschiedene Eigenschaften
Augenhöhe. Eine flache, mit rotem Marmorstuck desselben We-
überzogene Empirestele, von Hildebrand entworfen, sens; beim De-
dient als Träger. Vor Jahren hatten zwei Künstler mütigen oder
von scharf naturalistischer Richtung Wilhelm Bode Liebenden zeige
im Profil gezeichnet. Liebermann gab ihn sitzend, sich eben die
mit einer Bronzefigur in der Hand (Abb. >K. f. A.« jenem Urprinzip
XII. Jahrg. S.228). Der Moment ist vortrefflich erfasst; eigene Liebe,
dieser Bode mit dem prüfenden Blick des Sammlers beim Ehrsüch-
liat zweifellos die vollste Natürlichkeit, den stärksten tigen oder
Wirklichkeitseindruck für sich. Jan Veth gab, ohne Herrschsüch-
die Darstellung auf den Augenblick zuzuspitzen, die tigen die jenem
an sich scharfe Naturform mit aller Schärfe wieder. eigene Kraft u.
Es ist eine gute Lehre, nun einmal einen so ganz an- s. w. Danach
ders gerichteten Künstler dem gleichen Modell gegen- kann natürlich
über zu sehen. Hildebrands Marmorbüste erhebt sich von Sittlichkeit
mattglänzend mit ihrem ganz knapp ausgeschnittenen keine Rede sein;
Bruststück über einem bescheiden mit Voluten ver- Gut und Böse
zierten Sockel. Der Kopf ist um ein weniges aus sind nur ein Be-
der Achse der Brust nach links gedreht, und der griff, den wir uns
Blick dringt gerade aus der Ebene der sehr tief bilden. Alles
liegenden Augen mit voller Energie auf den Be- Existierende ist
schauer. Man empfindet aufs stärkste das Gerüst gleich gut, oder
der Knochen. Mit machtvoller Breite sind alle vielmehr gleich
Hauptpartien herausgehoben. Haar, Brauen und >seiend<. — Ich
Schnurrbart, mit Tabaksaft leicht rötlich getönt, sind hielt ihm vor,
der Natur gegenüber mit starker Vereinfachung be- welche Unge-
handelt. Hildebrands Werk ist von überzeugender rechtigkeit un-
Aehnlichkeit. Auch wer Bode nicht persönlich serseits es dann
kennt, wird den Eindruck haben, dass es alles wäre, Frevler zu a. hh debrand bode-büste
Wesentliche des Urbilds, nicht nur das Körperliche, bestrafen. Er gab <s. a. d. Ahb. a. s. 398)


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