Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 17.1902

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bernardo belotto, gen. c A n A l e t t o münchen vom gasteig aus gesehen
(Das Original in der Kgt. Residenz zu München)

DIE MÜNCHEN!
Ueber Venedig hat die Sonne der grossen
italienischen Kunst am längsten geleuch-
tet und von dort aus noch kurz vor dem Er-
löschen den Schimmer ihres Abendgoldes auf
ein paar deutsche Kunststätten ergossen. Um
die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts malte
Tiepolo seine Fresken im Würzburger Schloss;
gleichzeitig fand Bernardo Belotto, der Neffe
und Schüler Antonio Canales, dessen Bei-
name Canaletto sich auch auf ihn über-
trug, in Deutschland seine zweite Heimat,
deren Sprache freilich ihm immer fremd ge-
blieben ist, die ihm aber Thätigkeit und Ruhm
und auch Teil an deutschem Künstlerelend
gewährte.
Im Jahre 1747 trat der jüngere Canaletto
in seinen Dresdener Wirkungskreis ein, aber
schon zwei Jahre früher hatte er seine Arbeit
auf deutschem Boden begonnen; 1745 war
er nach München gekommen und seinen Auf-
enthalt in der bayerischen Residenz bezeugen
drei Werke seiner Hand, die erst im eben
zu Ende gegangenen Sommer durch die Aus-
stellung „München im 18. Jahrhundert" wieder
weiteren Kreisen bekannt geworden sind.
Wieder: denn wenigstens von dem einen der
drei, der hierüber abgebildeten Ansicht Mün-
chens vom Gasteig aus, existiert noch ein (all-
mählich selten gewordener) Kupferstich und

* CANALETTOS
(Nachdruck verboten)
das Original selbst ist vor Jahrzehnten in der
Alten Pinakothek ausgestellt gewesen, von da
seitdem freilich längst in die Stille fürstlicher
Privatgemächer zurückgekehrt, die die beiden
andern — die Ansichten von Nymphenburg
(s. S. 133) — niemals verlassen hatten.
Die drei Münchener Canalettos waren also
für den allergrössten Teil der Münchener
Kunstfreunde, ja auch der Kunstforscher, eine
Ueberraschung und eine sehr erfreuliche dazu.
Denn sie zeigten den fünfundzwanzigjährigen
Künstler schon im Besitz der vollen Eigen-
art, die er dann in seinen Dresdener und
Wiener Bildern so reich entfaltet hat. Sie
verdienen es darum auch, nachdem sie selbst
ihrer vornehmen Abgeschiedenheit wieder-
gegeben sind, einem grösseren Publikum
wenigstens in Reproduktionen gezeigt zu
werden. Freilich, diese Reproduktionen können
eigentlich nur eine Inhaltsangabe, kaum einen
Begriff von dem künstlerischen Gehalt der
Originale bieten. Aber wer diese selbst oder
doch die Dresdener und die Wiener Canalettos
gesehen hat, der wird die hier gegebenen
Nachbildungen als Gedächtnishilfen will-
kommen heissen oder von den ihm sonst
bekannten Werken des Meisters her sie doch
annäherungsweise gleichsam ins Original zu-
rückübersetzen können. Er wird aber auch

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