Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 17.1902

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KARL EDERER Skizze für ein Titelblatt zu
(Wiener Hagenbund) einer zoologischen Publikation

„ . • . la fleur sans parfum de la
vie purement exterieure." A. Daudet.
Unsere Zeit der Ueberladung, des Virtu-
osentums, der Speciaütäten und Aus-
stattungsstücke, der allgemeinen Bildung und
populären Wissenschaft, der Prachtbücher,
Illustrationen, Photographie etc. etc., sucht
auch in der Malerei ihren Feuerwerks-, Seil-
tänzer- und Konversationslexikonsgeschmack.
Sie muss staunen, sie muss die Genugthuung
haben ihr Wissen befriedigt zu sehen oder
einen Rebus gelöst zu haben. Die Einfach-
heit der Kunst zu beachten hat niemand mehr
die Naivetät oder die Feinheit der Sinne.
Nicht die Kunst, sondern Kunststücke im-
ponieren.
Was den meisten Bildern zum Durchschlagen
verhilft, ist was ganz anderes als ihre künst-
lerischen Qualitäten, denn nicht malerische
Interessen sind es, die meistens in ihnen
Befriedigung suchen.
Diese modernen, vollgestopften, „ausge-
führten" Bilder sind vielleicht gut zum Lernen,
aber nicht zum Empfinden. Der Künstler
zeigt, was er weiss, und das Publikum freut
sich um so selbstgefälliger, je mehr es ihm
in die Einzelheiten zu folgen vermag, sei es
in den Kostümen, sei es in Sitte und Ein-
richtung u. s. w. Das Ganze nennt man

Kunst, resp. Kunstgenuss und freut sich, dass
die aktive und passive Teilnahme an den
bildenden Künsten immer grösser wird.
Diese modernen Figurenbild-Stilleben („hi-
storische" i. e. Stoff- und Waffenstilleben
mit vorgeschriebenen Porträts und Aktionen)
und Landschaften wollen nur Nachahmungen
sein — ihre Urheber verzichten freiwillig,
soweit denkbar, auf die eigene Gehirnmit-
wirkung — und das ist auch ein Glück bei
den meisten.
Das simple Bewusstsein der malerischen
Mittel, ihrer Grenzen und ihrer Ausdehnungs-
fähigkeit, vor allem der Farbe als Kompo-
sitionsmittel, sind bei den meisten verdunkelt
und ganz verdrängt durch unmalerische Neben-
interessen, die auf ganz ausserhalb Liegendes
— bewusst oder unbewusst - - spekulieren.
Ein Maler, der sich Historien-, Genre-,
Landschaftsmaler nennt oder schelten lässt,
ist gewöhnlich mehr Gewerbetreibender als
Künstler, oder ein Mensch, der abstrakte
Ideen mit Formen und Faltenwurf bekleiden
zu können wähnt. Denn dem Künstler gehört
die ganze sichtbare Welt der Erscheinung,
er ist mit jeder neuen Aufgabe ein anderer.
Jene ästhetischen Rangklassen existieren nicht
für den Schaffenden, sie sind gelehrten Ur-
sprungs.

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